Interview

Interview mit Isabel Abedi

Während der Lesung aus ihrem neuen Roman „Die längste Nacht“ bei den Bücherpiraten hatte die Blaue Seite die Gelegenheit, Isabel Abedi einige Fragen zu stellen.

Das Interview fand im Anschluss an die Lesung „Die längste Nacht“ statt, die von den Musikern Sarah Schüddekopf (Saxophon) und Ramón Lazzaroni (Flöte und Cello) begleitet wurde. Das Interview haben wir vor dem Lesepublikum geführt.

Blaue Seite: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Isabel Abedi: Das Schreiben ist zu mir gekommen. Das fing schon an, als ich Kind war. Ich habe eigentlich schon immer gerne geschrieben. Schreiben war immer ein Teil von meinem Leben. Aber früher habe ich keine Geschichten geschrieben, sondern Briefe, die dann irgendwann halbe Romanlänge hatten. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann gemerkt, dass es längere Texte werde sollten. Ich habe eine ganze Weile in einer Werbeagentur gearbeitet, wo ich auch Texte geschrieben habe. Leider waren das keine ausgedachten Texte, eher welche bei denen es um Waschmittel, Füllfederhalter oder Shampoo ging. Als dann meine Kollegen in den Pausen auf den Steg gegangen sind und Schorle getrunken haben, bin ich drinnen geblieben und habe angefangen, kleine Geschichten für mich selber zu schreiben.
Ich habe auch sehr viele Filmkritiken geschrieben und kleine Märchen auf die Rückseite von Sarotti-Tafeln. Die erste Kindergeschichte habe ich angefangen zu schreiben, als meine jüngere Tochter 2 Jahre alt war und nachts nicht einschlafen konnte. Mir sind dann nach einiger Zeit die Buchgeschichten ausgegangen und ich habe angefangen, Bilderbuchgeschichten selber zu schreiben. Die Ideen lagen einfach immer so in der Luft und sind dann wie von selbst zu mir gekommen. Den ersten Roman habe ich schon lange im Bauch gehabt – er handelt von einem Mädchen, das seinen Vater nicht kennt. Auch ich war ein Mädchen, das seinen Vater nicht kannte. Das heißt, das war meine persönliche Geschichte, die ich in einen Roman umgewandelt habe. Das war dann im Prinzip mein erster Weg zum Bücherschreiben.

BS: Haben Sie eine „Lieblingszeit“, wann Sie schreiben? Also Tageszeit, Jahreszeit, Wochentag?

Isabel Abedi: Das ist szenenabhängig und hat sich auch verändert. Als meine Kinder, besonders meine jüngste Tochter, klein waren, hat mich ein befreundeter Autor mal gefragt, was man denn wohl gegen Schreibblockaden machen könnte. Da habe ich gesagt: Kinder kriegen, das ist das einfachste Mittel. Als die Sofia damals klein war, wollte ich sie mittags von der Schule abholen. Ich habe ganz, ganz sklavisch – ist ein blödes Wort – auf die Minute genau morgens angefangen. Ich habe um 10 Uhr angefangen, damals hatte ich einen Stammplatz in einem Café. Da habe ich bis 13 Uhr geschrieben. Das war nicht meine Lieblingszeit, aber das war die freie Zeit, die mir zur Verfügung stand. Je älter meine Kinder wurden, desto mehr Zeit hatte ich. Da konnte ich im Prinzip schreiben, wann ich wollte. Es fühlt sich nicht ganz so produktiv an, sondern es ist ein bisschen die Qual der Freiheit. Es kann sein, dass ich erst nachmittags anfange oder abends. Und szenisch ist es oft so, dass ich Nachtszenen lieber in der Nacht schreibe als am Abend. Ich habe schon Nächte durchgeschrieben. Die längste Zeit an einem Stück waren mal 20 Stunden. Es gibt auch Tage, da fange ich morgens direkt an und höre mittags auf. Ich habe also keinen festen Rhythmus mehr.

BS: Und was war Ihre Inspiration oder Ihr Ideenkeim für „Die längste Nacht“?

Isabel Abedi: Ideenkeim, vielleicht hast du es von dem Werkstattgespräch, das wir eben hatten. Das ist ein Wort, das Patricia Highsmith (amerikanische Autorin, hauptsächlich für Kriminalromane bekannt, Anm. d. Red.) geschaffen hat. Dieses Wort finde ich sehr schön: dass es eben ein Keim ist, aus dem etwas wächst. Das ist natürlich für jede Geschichte etwas anderes. So war es auch bei der „Längsten Nacht“. Dass sich auch verschiedene Keime zu einer Idee entwickeln können, als würde man verschiedene Samen pflanzen und dann würde eine Multipflanze daraus werden. Bei der „Längsten Nacht“ ist es die Anfangsszene gewesen, die ich auch vorgelesen habe. Wo die Vita (Hauptperson des Romans, Anm. d. Red.) im Arbeitszimmer ihres Vaters das Manuskript findet. Das war ein Bild, das ich wirklich vor mir gesehen habe: wie dieses Mädchen nachts aufwacht, in das Arbeitszimmer geht und dieses Manuskript findet. Dieser Keim darin war die Vorstellung – das werdet ihr auch erahnt haben –, dass dieses Manuskript irgendetwas mit Vita zu tun hat. Dass offensichtlich ein Schriftsteller etwas geschrieben hat, was mit ihrer Familiengeschichte zusammenhängt. Diese Idee fand ich unglaublich gruselig. Es geht um ein Geheimnis, das ich nicht kenne. Da war ein Keim und da war der Schauplatz, an dem die Geschichte spielt. In Italien bin ich viele Sommer lang an drei verschiedenen Orte gewesen, aus denen sich dieser Schauplatz zusammensetzt. Mein Wunsch war, eine Geschichte zu schreiben, die an einem Ort spielt, den ich selber gut kenne. Ich glaube, man merkt das im Roman.

BS: Lesen Sie lieber Hardcover oder Taschenbücher?

Isabel Abedi: Schwierig. Wenn ich reise, dann sind Hardcover echt schwer. Ich finde Hardcover schöner, ich finde aber an Softcover besser, dass ich das wirklich umklappen und in eine Hand nehmen kann. Meine Bücher sind auch nicht ordentlich: Da sind Eselsohren drin und die sind geknickt. Softcover sind biegsamer beim Lesen, aber schöner finde ich die Hardcover.

BS: Schreiben Sie lieber am Computer oder auf Papier?

Isabel Abedi: Beim Ideensammeln auf Papier, weil die Gedanken dann anders fließen. Und wenn ich an der realen Geschichte schreibe, dann lieber am Computer.

BS: Hat sich Ihnen gegenüber schon mal jemand so verhalten wie Lucas Eltern gegenüber Vita, als sie herausfinden, wer sie ist – sehr abweisend?

Isabel Abedi: Ja. Nicht ganz so, aber ich kannte meinen Vater nicht und davon handelt auch mein erster Roman. Da ist es auch ein Tabu, und es kam genau dieses Gefühl, dass die Fragen einfach abprallen. Tatsächlich kenne ich also dieses Gefühl. Ich war als Kind nicht schüchtern, aber in diesen Momenten schon ein bisschen. Ich habe mich tatsächlich nicht getraut, weiter zu fragen. Es kam dann ein bestimmter Punkt, wo ich Antworten bekam – aber das Gefühl kenne ich, ja.

BS: Sind Sie im Grunde Ihres Herzens vielleicht Italienerin?

Isabel Abedi: Nein (lacht).

BS: Warum nicht ?

Isabel Abedi: Ich glaube, dass ich im Grunde meines Herzens eine Zigeunerin bin. Ich bin vom Blut her halb deutsch und halb persisch. Aber meinen Vater, dem die persische Seite gehört, habe ich nur einmal kurz kennen gelernt. Dadurch bin ich im Grunde meines Herzens ein Mischwesen. Also gibt es immer das Fremde und das nicht Fremde in mir. Italien ist ein Ort, den ich sehr liebe. Ich mag die Italiener, aber ich fühle keine Verwandtschaft zu ihnen. Da gibt es eine stärkere Verwandtschaft zu den Amerikanern, weil ich meine Jugendzeit in Amerika verbracht habe und irgendwas verbindet mich mit den Amerikanern. Nicht mit allen, aber irgendetwas in mir schlägt lauter, wenn ich nach Amerika komme.

BS: Tee oder Kaffee?

Isabel Abedi: In den Schreibpausen viel schwarzen Kaffee und während des Schreibens literweise Tee.

BS: Was, glauben Sie, werden Sie in 10 Jahren als Interviewantwort am meisten bereuen?

Isabel Abedi: Da gab es einen Moment, ich erinnere mich nicht mehr an den Inhalt, aber da habe ich Buße getan. Das war die Frage einer Bloggerin, auf die ich ganz patzig geantwortet habe. Dummerweise wurde es auch in diesem Blog veröffentlicht und hat sich verbreitet. In der Welt der Blogger gab es einen empörten Aufschrei über die Arroganz dieser Autorin. Ich fand die Frage blöd und habe das auch in meiner Antwort deutlich gemacht. Ich erinnere mich nicht an die Frage und nicht an die Antwort. Ich weiß nur, dass ich mich dafür entschuldigt habe, dass ich so arrogant rübergekommen bin. Das mag ich nicht, denn eigentlich gibt es keine blöden Fragen. Auf die vermeintlich blödesten Fragen können auch die besten Antworten kommen. Also: Was ich bereue ist, wenn ich in einem Interview patzig werde oder mich nicht unter Kontrolle habe.

Blaue Seite: Wie haben Sie Bücher lieben gelernt?

Isabel Abedi: Ganz, ganz, ganz früh durch meinen Großvater und meine Mutter. Geschichten waren immer da, Bücher waren da, riesige Bücherwände. Meine Mutter hat viel vorgelesen, bis in meine Jugend hinein. Das war auch noch so, als ich 13 war. Da habe ich mich abends oft zu ihr ins Schlafzimmer gelegt und sie hat mir Märchen vorgelesen. Oder wir haben Geschichten zusammen gelesen. Dieses gemeinsame Lesen fand ich unheimlich schön. Mein Großvater war eher so ein stiller Leser, den kenne ich eigentlich nur still hinter einem Buch. Aber meine Mutter war eine ganz leidenschaftliche Leserin, die immer mitteilen musste, was sie an der Geschichte spannend fand. Und ob man wollte oder nicht: Man bekam das zu hören und man bekam Lieblingsszenen vorgelesen. Auch wenn ich gerade für das Abi gebüffelt habe – nein, meine Mutter musste mir jetzt vorlesen, was sie gerade spannend fand. Diese Leidenschaft hat mich sehr angesteckt.

Blaue Seite: Haben Sie nach dem Abi auch wie im Buch so eine Tour durch Europa gemacht, oder haben Sie davon geträumt, eine zu machen?

Isabel Abedi: Meine Tochter hat das gemacht. Nicht mit dem Bully (VW-Bus, Anm. d. Red.), sondern sie und ihre Freunde haben Interrail gemacht und waren auch in Florenz. Das war ganz lustig, weil ich eine Florenz-Szene geschrieben habe. Ich dachte dann, dass die zu erwachsen klingt und dass ich nicht ganz die Perspektive von Vita hinbekommen habe. Weil ich auch in Florenz gewesen bin und das aus den Augen einer Erwachsenen geschrieben hatte. Ich habe dann Sophia gebeten, ob sie mir ihre Tagebucheintragungen zeigt, damit ich lesen konnte, wie sie das als 17-Jährige empfunden hat. Da habe ich ganz viel rausgezogen, obwohl ich es natürlich verändert habe. Und ich war nach dem Abi in Los Angeles und habe da ein Praktikum gemacht in einer Werbefilmproduktion, da bin ich also über Europa hinweggeflogen.

Publikum: Sind Sie Harry Potter-Fan?

Blaue Seite: Ich bin kein Harry Potter-Fan, aber: Meine Mutter war früher auch Werbetexterin und ist dann später aus Leidenschaft, als sie 50 geworden ist, Buchhändlerin geworden. Das war immer ihr Traum. Und da war Harry Potter das erste „Kinder-/Jugendbuch“, das war auch noch nicht so bekannt. Sie hat mir das in die Hand gedrückt und gesagt: „Das musst du unbedingt lesen, das ist total toll.“ Dann habe ich das gelesen und fand es auch großartig, absolut großartig. Harry Potter war also sozusagen mein Anfang.Es hat mich weggeholt von der Erwachsenenliteratur, wie man so schön sagt, und war der Anfang meiner großen Liebe zur Kinderliteratur. Weil ich danach gesagt habe: „Okay, ich brauche Stoff, ich brauche Stoff!“ Ich bin dann in Hamburg in eine Buchhandlung gegangen. Die Buchhändlerin hat mir da „Herr der Diebe“ von Cornelia Funke in die Hand gedrückt. Mittlerweile sind wir befreundet, aber damals kannten wir uns noch nicht. Ich habe das damals angeguckt und gesagt: „Nein, nein, das ist ja was ganz anderes.“ Und die Buchhändlerin sagte: „Doch, doch, lesen Sie das. Wenn Sie Harry Potter mochten, werden Sie das auch mögen.“ Dann habe ich es aber gar nicht als Buch, sondern als Hörbuch von Rainer Strecker gehört, dem wunderbaren. Ja, und dann ging es los. Dann war ich quasi verloren an die Welt der Kinder- und Jugendbücher. Insofern müsste ich sagen, kein Harry Potter-Fan, aber ich habe die ersten fünf Bücher leidenschaftlich gern gelesen. Ich habe ganz große Schwierigkeiten, mir Namen zu merken. Das war später dann natürlich dramatisch bei Harry Potter, wenn da ein Jahr zwischen den Bänden liegt. Ich konnte mir nicht merken, wer wer war und ich wollte mir jetzt beim Lesen keine Namenslisten anlegen. Deswegen habe ich die letzten beiden Bände nicht gelesen, aber ich finde Harry Potter großartig, ja.

RedakteurRedakteur: Charlotte, Katharina
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