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28 Tage lang
29. September 2014
von Rahel
5 Sterne
Rahel Jahrgang 1998 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

Mira, die Protagonistin, die aktive Heldin, ist die bewusst gewählte fiktive Figur im neuen Roman von David Safier.

Mira, eine Polin – einst Teil der jüdischen Bevölkerung in Polen, in  Warschau, der mit ca. 350.000 Mitgliedern vor dem Zweiten Weltkrieg  größten Jüdischen Gemeinde in Europa. Nach New York war sie damit die  zweitgrößte der Welt.

Mira – eine Jugendliche, die sehr schnell erwachsen werden musste.  Mit sechzehn Jahren ist sie fast noch ein Kind. Ein Kind von vielen, das  aufgehört hat, ein Kind zu sein. An einem realen Ort: Mitten im  Warschauer Ghetto.

Das Warschauer Ghetto: Ein systematisch geschaffener Ort mit  unmenschlichen Lebensbedingungen im deutsch besetzten Europa, in dem  mindestens 450.000 Menschen eingepfercht wurden. Erschaffen als Teil  einer konsequenten Vernichtungspolitik des nationalistischen Deutschen  Reichs. Eine Zwischenstation vor der Deportation in die  Vernichtungslager, wie z.B. Treblinka.

David Safier hat sich in seinem Roman – „28 Tage lang“ – dem dort  geleisteten Aufstand gewidmet. 28 Tage lang haben sich größtenteils  junge Menschen ihren übermächtigen Peinigern zur Wehr gesetzt.

Auf 404 Seiten entführt seine Hauptfigur Mira die Leserinnen und  Leser somit an einen Ort, der in der Vergangenheit eine Geschichte  geschrieben hat, die hätte niemals geschrieben werden dürfen, aber  gerade deshalb wollte der Autor sie zu Papier bringen.
Nicht ohnehin ging es David Safier dabei darum, eine Brücke zwischen den Generationen zu schlagen. Eigens zu diesem Zweck wählte er die Mittel eines  Spannungsromans und vergab die Rolle seines Hauptcharakters an eine  fiktive Person, die eine sehr wesentliche Fragestellung nicht nur  wiederholt an sich selbst richtet, sondern zeitgleich auch die  Leserinnen und Lesern zum eigenständigen Nachdenken über „Was für ein Mensch willst Du sein?“ anregt.

Widmet man sich nun der Handlung des Romans und weniger der Intention  des Autors – die aufgrund der Historie und seiner eigenen  Lebensgeschichte ebenso wichtig ist – so kann man sagen, dass das nackte  Überleben im Ghetto genauso wie Mira eine Protagonisten-Rolle  zugesprochen werden könnte.

Das Überleben ist ihr Schatten, ihr Antrieb und das, was ihre Handlungen bestimmt.

Sie schmuggelt, kämpft mit Waffen, Worten und Taten, sie leidet und  liebt mit allem, was geht und sie lebt ihr Leben, das sie leben muss.  Sie zweifelt an der Sinnhaftigkeit des Todes, wenn es so vieles gibt,  für das es sich zu leben lohnt. Sie verliert Menschen, die ihr wichtig  sind und schließt neue ins Herz. Ihre Überlebenskünste werden bis ans  unermessliche vorangetrieben und man kommt nicht umhin, sich zu fragen,  woher all diese Kraft kommt, die angesichts von Schmerz, Tod und  weiteren Schicksalsschlägen so übermenschlich erscheint. Und so bietet  sie 28 Tage lang den Deutschen die Stirn – 28 Tage lang, in denen  Bewegung ins Ghetto kommt, in denen die SS Angst hat und die Juden  triumphieren – 28 Tage, in denen die Wehrlosigkeit und Passivität mit  Kampfesbereitschaft und Aktivität ringen und ein Aufstand im Ghetto  entsteht. 28 Tage, die Geschichte schrieben.

„In der dunkelsten Stunde des jüdischen Volkes verloren unsere Heroen nicht ihren Mut und schlugen zurück.“

Doch trotz all der, in den Augen ihres Volkes heroischen Taten, ist  sich Mira nicht immer sicher, wie weit sie gehen kann. Wo liegen ihre  Grenzen, ihre Loyalität und Moral? Was für ein Mensch will sie sein? Ist  sie wirklich die Heldin, für die sie alle halten?

Mira bleibt menschlich, sie wird real und auch wenn sie meint, den  grausamen Widrigkeiten des Lebens oft nicht gewachsen zu sein, wächst  sie in meinen Augen an ihnen. So kann sie trotzdem Glück empfinden,  lieben, lachen und Hoffnung schöpfen. Aber vielleicht oder gerade  deswegen besitzt Mira die Kraft zur Selbstbestimmung über Leben und Tod  und die Art, wie sie ihr Leben verbringen will: Kämpfen oder Aufgeben?  Einen sinnlosen oder einen bedeutungsvollen Tod sterben? Das macht sie  mir so sympathisch.

Ich bin froh, dass es David Safier gelungen ist, eine charismatische  junge Heldin zu erschaffen, die er wunderbar in den historischen  Kontext, nämlich den Aufstand im Warschauer Ghetto, setzt.
Der Autor hat den realen Geschehnissen reale Personen hinzugefügt: Wie  den Arzt und Reformpädagogen Janusz Korczak, Autor des „Kleinen König  Macius“. Er hat seine kleinen Waisenkinder in das Vernichtungslager  begleitet. Während diese kleinen Menschen in der Mittagshitze, angeführt  von ihrem Waisenvater zum Umschlagplatz schritten, hielt dieser die  Fahne des kleinen König Macius in der Hand. Die Kinder mussten nicht  getrieben werden. Korczaks vorausschauendes Handeln hat den Kindern zwar  nicht ihren Tod erspart, aber er hat es ihnen erleichtert. Selbstlos  war er für seine Kinder da, obwohl auch er seinen Tod vor Augen hatte.

David Safier hat mit „28 Tage lang“ eine Brücke zwischen den Generationen geschlagen.

Für mich zollt der Autor jenen Tribut, die sich wehrten, sei es durch  kämpfen, sei es durch sich versteckt halten, denn sie haben gezeigt,  dass es sich immer lohnt zu hinterfragen und sowohl für die eigenen, als  auch für die Rechte der anderen einzutreten.
Er beschäftigt sich mit den Aspekten der Selbstbestimmung, der  allgegenwärtigen Frage, dem „Warum?“ und nicht zuletzt damit, was für  ein Mensch man sein will. Nicht nur deshalb beweist dieses Buch  Aktualität, Allgemeingültigkeit und Wichtigkeit.

Dieses Buch ist so lebendig, greifbar und filmisch geschrieben, dass  ich mich beim Lesen fühlte, als ob sich das Gelesene auf einer  Kinoleinwand abspielt.
Das Buch spricht Wahrheit und nimmt dabei „kein Blatt vor den Mund“. Es ist ein Werk, das einfach gelesen werden muss.

Mein Dank gilt David Safier, der uns damit nicht nur die  Vergangenheit nahegebracht hat, denn unsere Gegenwart ist nur möglich,  weil wir alle Abkömmlinge der Vergangenheit sind: wir brauchen die Brücke zwischen den Generationen.

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