Der Circle
Der Circle
07. Juni 2018
von Hangzhi
4 Sterne
Hangzhi Jahrgang 2004 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

"Geheimnisse sind Lügen. Teilen ist Heilen. Alles Private ist Diebstahl."



Der Circle war ja damals vor fünf Jahren, als es erschien, ziemlich gehyped. Platz Eins auf der Spiegel-Bestsellerliste (was heute immer noch auf dem Cover draufsteht) und über Wochen lang Diskussionsstoff. Trotz des Alters glaube ich aber nicht, dass das Buch jemals außer Mode sein wird, und das liegt wohlmöglich am Genre und vor allem, am Thema. 

Zuerst möchte ich eine klare Leseempfehlung für dieses Buch aussprechen. Egal, wie man es literarisch beurteilen mag, das Wissen, das man aus dessen Lektüre zieht, ist viel zu prägend, als dass man es nicht lesen sollte. Wer nichts gespoilert haben möchte, solle sich bitte nicht den folgenden Teil durchlesen. 

The Circle käme zuerst eher wie eine 0815 Dystropie herüber, wäre da nicht das neue Thema der Digitalisierung. Es geht nämlich hauptsächlich um eine Welt, in der ein zentraler Internetkonzern, der Circle, alle Dienste des heutigen Internets, wie z.B. Social Media, Suchmaschinen oder Bezahldienste unter einem Dach gebündelt hat und auf diesen Bereichen Marktführer geworden ist. Die Firma gilt als hip und dementsprechend ist sie der Traumarbeitsplatz vieler junger Menschen, wie der Protagonistin Mae Hollands. Sie bekommt durch ihre am Circle arbeitende Freundin eine Stelle und fühlt sich sofort wohl in der gläsernen und komplett vernetzten Welt des Circle. Die Mitarbeiter werden tagtäglich dazu aufgerufen, ihre Erlebnisse und Erfahrungen, kurzum ihr gesamtes Wissen, auf den sozialen Netzwerken der Firma zu posten. Die leitenden Köpfe der Firma, die sogenannten „Drei Weisen“, wollen aber noch mehr: Sie wünschen sich eine komplett durchsichtige Welt, in der jeder und jede Zugang zum gesamten Wissen der gesamten Menschheit hat und jederzeit private Informationen von jedem anderen Menschen auf dieser Welt einsehen kann. Dafür treibt die Firma immer schneller Innovationen, wie eine drahtlose Kamera, die für jeden erhältlich ist, voran, und das alles mit dem Ziel, der vollkommenen Transparenz einen Schritt näherzukommen. Mae findet das alles super, teilt ihr gesamtes Leben in ihren Freundesgruppen und wird nach einem Zwischenfall sogar völlig „transparent“: Von nun an trägt sie eine Kamera um den Hals, jederzeit. Weltweit sehen ihr Millionen von Menschen zu, wie sie ihr Leben lebt und wie sie das Geschehen auf dem riesengroßem Firmencampus kommentiert. Die Firma geht sogar noch einen Schritt weiter und verkauft ihre Innovationen als Wunderheilmittel für die Demokratie. Wenn alle Politiker wie Mae transparent wären, so sagt sie, gäbe es keine Korruption, keinen Lobbyismus mehr. Von diesen Ideen begeistert und in den Bann gezogen stellen Millionen von Menschen weltweit Kameras auf, und führende Politiker werden mehr oder weniger dazu gedrängt, transparent zu werden. Wer nicht mitmacht, wird sofort verdächtigt, etwas im Schilde zu führen, und aufständigen Politikern  wird sofort irgendein Verbrechen in die Schuhe geschoben.  Als der Circle in immer mehr Lebensbereiche versucht einzugreifen, sehen sich Kritiker machtlos: Der weitaus größere Teil der Bevölkerung gibt für mehr Komfort und angebliche Sicherheit gern ihre Daten preis. Letzendlich lässt sich Mae auch nicht von Kalden, einem geheimnisvollem Mann, der hin und wieder auf dem Campus auftaucht und mit dem sie eine Liebesbeziehung führt, nicht umstimmen und bleibt bis zum Ende der Geschichte dem System des Circles treu. 


Zugegebenermaßen ist „Der Circle“ kein literarische Meisterwerk, aber trotzdem gut und spannend lesbar. Die Sprache gleicht, nicht wie die beschriebene dystropische Zukunft, ziemlich dem Mainstream, schafft es aber, ihre Welt mit einer unglaublichen Sachlichkeit und Gleichgültigkeit zu beschreiben, sodass man sich trotz seiner positiven und hippen Ausstrahlung nach und nach vom Circle abwendet und anfängt, Parallelen zwischen dem Circle und seinen Produkten und dem eigenem Leben (und ja, es gibt erschreckend viele) zu suchen (um schlussendlich vielleicht ein wenig mehr Acht auf seine eigene Privatsphäre zu legen). Obwohl einige Szenen in mir den Wunsch erweckt haben, auch mal den Campus vom Circle zu sehen und seine Produkte zu nutzen, wird einem nach und nach diese Lust ausgetrieben.  Dave Eggers hat es geschafft, schon sehr früh (2014!) die Probleme der heutigen, digitalen Welt in einem mehr oder weniger spannendem Buch zusammenzufassen und dem Leser vor Augen zu führen, wie wir jeden Tag für mehr angeblichen Komfort mehr und mehr von uns preisgeben. 

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