Der Trafikant
Der Trafikant
05. Dezember 2018
von Kathrin
4 Sterne
Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

Das Buch "Der Trafikant" von Robert Seethaler handelt von Liebe, von Angst, von gesellschaftlichen Umbrüchen und großen Unsicherheiten, aber auch von Hoffnung und Solidarität...

Franz ist 17, als er sein Zuhause und seine Mutter verlässt und eine Lehre in einer wiener Trafik, einem Zeitungs- und Zigarrengeschäft, beginnt. Dort muss er sich nicht nur den Problemen stellen, die das Erwachsenwerden mit sich bringt, sondern beobachtet außerdem mit wachsendem Entsetzen die politischen Entwicklungen in Österreich nach 1937. Während dieser Zeit begegnet er dem bekannten Professor Sigmund Freud, der Stammkunde in dem kleinen Zeitungsgeschäft ist, und nimmt sich vor, diesen faszinierenden alten Herrn besser kennenzulernen. So sitzt er oft stundenlang auf der Parkbank vor dessen Haus, bis ihn der Professor erblickt und er endlich seinen gewünschten Spaziergang mit diesem unternehmen darf. Bei diesen langen Gesprächen, meist eingeleitet durch eine Erklärung der Vorzüge der jeweiligen Zigarren, welche Franz bei jedem Zusammentreffen als kleine Bestechung dabeihat, geht es schnell um die unglückliche Liebe des jungen Franz. Diese heißt Anezka, ist Böhmin und, wie Franz erst später feststellen soll, sehr freizügige Varieté-Tänzern. Mit der Zeit entwickeln die beiden Herren eine ungewöhnliche Freundschaft und mit der zunehmenden Macht der Nationalsozialisten gewinnen auch politische Themen in ihren Gesprächen an Relevanz. Die ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus, die nicht nur die beiden Freunde, sondern auch Otto Trsnjek, der Besitzer der Trafik, teilt, wird für die drei schon bald zum Verhängnis. Zwischen heldenhaften Solidaritätsbekundungen, berührenden Abschiedsszenen und kleinen Zettelchen, auf denen die nächtlichen Träume verfasst sind, entwickelt das unglaublich vielseitige, aber immerzu berührende Ende eine sehr einprägsame Wirkung. 

Mir persönlich hat dieses Buch sehr gut gefallen. Mit der Zeit wurde mir die Liebes-, oder eher Herzschmerz-geschichte zwischen Anezka und Franz ein bisschen zu überladen, andererseits haben die Menschen natürlich auch während geschichtlichen und gesellschaftlichen Katastrophen, wie es der Nationalsozialismus war, mit persönlichen Problemen zu kämpfen und immerhin führte diese Sinnkrise wiederrum zu regelmäßigen, teilweise lustigen, oder auch ernsthaften, in jedem Fall aber sehr unterhaltsamen Gesprächen mit dem Psychoanalytiker. Auch war es spannend zu betrachten, wie Franz mit der Zeit eine eigene politische Meinung entwickelt, der er erst nur Worte, später aber vor allem auch Taten folgen lässt. Immer wieder beschäftigt sich Franz mit dem Zwiespalt zwischen Unwissenheit und der nagenden Aufdringlichkeit des Wissens, das man, einmal erlernt, nicht mehr so schnell los wird. 

„Wer nichts weiß, hat keine Sorgen, dachte Franz, aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen“.

Auch wenn man den Prozess, wie Franz sich in dieser unruhigen Zeit seine eigene Meinung bildet, nicht so genau mitverfolgen kann, wie ich es mir gewünscht hätte, so ist doch die Auseinandersetzung mit diesem Thema, das besonders in den Zeiten, als Wissen auch tatsächlich gefährlich sein konnte, sehr interessant. 

Alles in allem handelt es sich hierbei um ein sehr schönes Buch, das auch erst vor kurzen verfilmt wurde und gerade noch in den Kinos gespielt wird. Ich persönlich werde mir den Film auf jeden Fall anschauen und kann euch zum jetzigen Zeitpunkt zumindest das Buch wärmstens empfehlen.                                                                                                                                                                                                                                                                                    


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