Der Weiblichkeitswahn oder die Selbstbefreiung der Frau
Der Weiblichkeitswahn oder die Selbstbefreiung der Frau
27. August 2018
von Kathrin
4 Sterne
Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

Betty Friedan analysiert in diesem Sachbuch von 1963 die Gründe für den gesellschaftlichen Rückzug der amerikanischen Frauen, ihre Flucht in die Ehe und den Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung und dem „Problem ohne Namen“, welches zu dieser Zeit viele Hausfrauen befiel. Die Betroffenen klagten über ständige Müdigkeit, Gereiztheit und das Gefühl, nicht wirklich zu existieren und stellten die Ärzte und Psychiater vor ein Rätsel. Friedan begann, sich mit diesen Frauen zu unterhalten, beschäftigte sich mit Studien und betrieb Nachforschungen. Laut ihr sei die Hauptursache für dieses Problem der Weiblichkeitswahn, also eine Umkehrung der Frauenemanzipation durch medial und gesellschaftlich vorgegebene Idealbilder. Diese forderten von der Frau absolute Passivität und Unterwerfung und begründeten das mit dem biologischen Determinismus. Ihre Rolle bestehe darin, eine glückliche Hausfrau zu sein, ihren Mann zu unterstützen und die Kinder zu erziehen. Bildung oder gar ein eigener Beruf seien nicht gern gesehen. All das führe zu Generationen von Frauen, die ihre eigene Identität aufgäben um die gesellschaftlichen Erwartungen zu erfüllen und als Folge dieser Unterforderung mit den genannten Symptomen zu kämpfen hätten. 

Betty Friedan geht in diesem Buch sehr genau auf die mehr oder weniger subtilen Manipulationen ein, widmet den verschiedenen Mechanismen eigene Kapitel und erläutert auch den historischen Kontext. Auch die verschiedenen psychologischen Erkenntnisse von Sigmund Freud bis Margaret Mead und die Auswirkungen ihrer Schriften und Forschungsergebnisse bezieht sie mit ein und ermöglicht dem Leser so einen umfassenden Überblick über das Leben der amerikanischen Frauen der Nachkriegsgeneration. Natürlich muss man sich als Leser der Übersetzung durchaus bewusst sein, dass es sich hierbei um ein Sachbuch über amerikanische Frauen handelt und die Situation zur damaligen Zeit in Deutschland möglicherweise anders aussah. Zu diesem Zweck gibt es in der deutschen Übersetzung ein Zusatzkapitel von Arianna Giachi, welches kurz auf die Entwicklung in Deutschland eingeht. 

Alles in allem ist es ein sehr interessantes Buch, das ich euch am liebsten in Verbindung mit „die potente Frau“ von Svenja Flaßpöhler empfehlen möchte (und es hiermit tue). Denn die beiden Bücher ergänzen sich, wie ich finde, sehr gut. Während „Weiblichkeitswahn“ eher die historischen Entwicklungen beleuchtet, richtet Flaßpöhler ihren Blick in die Zukunft und stellt ihre Sicht der Dinge und mögliche Handlungsmethoden vor. Dabei teilen beide das Idealbild einer selbstbestimmten Frau, die selbst für ihre Rechte einsteht und sich nicht durch gesellschaftlichen und medialen Druck von ihrem Weg abbringen lässt. 

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