DUNKELNACHT
DUNKELNACHT
14. Februar 2021
von Kalle
5 Sterne
Kalle Jahrgang 2007 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

28. April 1945. Immer weiter dringen die Amerikaner in Bayern ein. Bald werden sie auch Penzberg erreichen. Und dann wird Penzberg frei sein. Frei von Terror durch den schrecklichen Bürgermeister, frei von den hier stationierten nationalistischen Truppen Hitlers, frei von allem, was sie in den letzten 12 Jahren so sehr bedrückt hat und ihr Leben so stark eingeschränkt hat.

Dann kommt die Radiosendung, die so kurz vor dem ersehnten Ende so vielen das Leben kosten wird:

"Achtung, Achtung! Hier spricht die Freiheitsaktion Bayern! Die Freiheitsaktion Bayern hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten! Arbeiter, schützt eure Betriebe gegen Sabotage durch die Nazis! Sichert Arbeit und Brot für die Zukunft! Die Alliierten stehen vor den Toren unserer Städte!"

Sofort eilen sie los. Der alte, von den Nazis abgesetzte Bürgermeister, der Bergwerkbesitzer und weitere mehr oder weniger wichtige Persönlichkeiten. Sie werden das Rathaus übernehmen, friedlich, versteht sich, sind ja keine Nazis, sie werden das Bergwerk vor den Nazis und ihrem Nero-Befehl schützen, sie werden die Amerikaner mit weißen Flaggen herbei sehnen.

Schnell geht das alles. Schnell ist das Rathaus übernommen, das Bergwerk gesichert und weiße Bettlaken aus dem Fenster gehängt. Vielleicht zu schnell.

Denn die Amerikaner kommen später als erwartet. Sie lassen dem Werwolf, einer geheimen Untergrundorganisation, Zeit. Zeit, um sie alle zu ermorden. All jene Rote, die nicht hinter Hitler und seiner Ideologie stehen.

Die Schreibweise des Buches erinnert an das Skript eines Theaterstückes. Die Kapitel werden wie Akte mit Ortsangabe, Uhrzeit, Datum und Liste, wer in der Szene mitspielt, begonnen. Die Kapitel sind sehr kurz und ständig wechseln Ort und Personen. Immer wieder tauchen irgendwann irgendwelche Personen auf, ohne dass man weiß, wer sie sind und was sie wollen. Es kommen sehr viele Personen zu Wort, so viele, dass es mir anfangs schwer fiel, den Überblick zu behalten.

Man könnte meinen, dass diese ganzen Dinge den Lesefluss erheblich stören. Aber das tun die nicht, sie unterstützen diese düstere, dunkle Atmosphäre, die hier herrscht. Die 111 Seiten sind schnell gelesen, was bleibt, sind Gedanken und Fragen.

Kirsten Boie konfrontiert den Leser mit diesem traurigen und dramatischen Text mit der brutalen und erschreckenden Wahrheit voller Verrat und Lügen. Durch die Authentizität der Geschichte des kleinen Dorfes Penzberg wird dem Leser noch stärker bewusst, wie schrecklich es damals war und wie unbedingt wir vermeiden müssen, dass so etwas wieder passiert.

Beendet wird die Geschichte mit einem erschütternden Nachwort Kirsten Boies.

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