Harry Potter und der Orden des Phönix
Harry Potter und der Orden des Phönix
12. November 2020
von Rina
5 Sterne
Rina Jahrgang 2003 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

Im fünften Band der Reihe um Harry Potter lernt er den Orden des Phönix kennen. Der Orden ist die Widerstandsorganisation, die – wie Lord Voldemort – wiederbelebt wurde. Nur leider dürfen Harry, Ron und Hermine als Minderjährige an den Aktionen des Ordens nicht teilnehmen und sie erfahren außerordentlich wenig. Ihre Hoffnung, den Frust in der Schule abbauen zu können, wird jäh enttäuscht, denn die neue Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste kommt vom Ministerium, das weiterhin die Nachricht verbreitet, Voldemort sei tot und Harry verrückt. Professor Dolores Umbridge ist fies, unterrichtet ausschließlich theoretisch, sieht aus wie eine Kröte – und wird massiv vom Zaubereiministerium unterstützt.

Mehr kann ich als Zusammenfassung nicht schreiben, denn die bedeutenden Ereignisse liegen im Buch weit auseinander und ich möchte nicht vorgreifen. Nur seid euch bewusst: Es passiert deutlich mehr.

 

Ich habe dieses Buch in drei Nächten durchgelesen. Das hat zwar meinem Schlafrhythmus wenig Gutes getan, aber: Für „Harry Potter und der Feuerkelch“ habe ich über einen Monat gebraucht. Und das war 250 Seiten dünner. Tatsächlich ist das eher auf den jeweils vorhergehenden Band zurückzuführen, denn durch den vierten hindurch wirkte meine tiefe Enttäuschung über den dritten nach, während ich beim fünften sozusagen von positiven Gefühlen erfüllt war und beflügelt in das Buch gestartet bin, das mich glücklicherweise nicht ausgebremst hat.

Eigentlich finde ich diesen fünften Band sogar besser als den vierten. Ich weiß, ich habe gesagt „Harry Potter und der Feuerkelch“ wäre mein Lieblingsband, aber das widerspricht sich nicht. Wenn ich einfach mal Lust auf Harry Potter habe und nicht die ganze Reihe lesen möchte, würde ich am ehesten den vierten Band lesen (oder den ersten, weil er dieses besondere Flair hat, dass man alles neu kennenlernt). Denn der Band ist ziemlich abgeschlossen und es passiert sehr viel. „Harry Potter und der Orden des Phönix“ konzentriert sich stärker auf Emotionen, stellt die bedrückende Stimmung im Schloss dar und geht zum Beispiel auf Harrys Zwiespälte, seine Wut, Rons Ängste und die allgemeine Verzweiflung viel stärker ein. So schwer es mir fällt zu entscheiden ist es insgesamt das (ein bisschen) bessere Buch. Denn es ist nicht so, dass nichts geschieht, sondern diese Ereignisse sind subtiler und mehr zu einer Gesamthandlung verbunden statt in viele einzelne Stränge zerdröselt. Der Hauptplot ist der um Umbridge und ihre „Maßnahmen“ in Hogwarts. Diese betreffen Harry und seine Freunde zwar, aber es ist nichts, in dem sie viel aktiv unternehmen. Daher kann der Band handlungsmäßig etwas lasch daherkommen.

Das Buch ist also nicht actiongefüllt. Das ist einer der Gründe, warum ich mich an diesen Band als den langweiligsten erinnert hatte; als ein Buch, das sich hinzieht und trotz der vielen Seiten ziemlich inhaltslos scheint. Wenn ich bedenke, wie alt ich da war, ergibt das im Rückblick Sinn. Damals hatte ich kaum einen Sinn dafür, wie viel die Atmosphäre in einem Buch ausmachen kann. Mittlerweile würde ich eher „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ mit diesen Worten beschreiben. Da passiert auf keiner Ebene etwas, während sich bei „Harry Potter und der Orden des Phönix“ bloß die Art des Geschehens und das Flair sehr von den vorherigen Büchern unterscheidet.

Diese neue Art merkt man auch daran, dass der Fokus anders liegt und - wohl dadurch - die Charaktere diesmal sehr unterschiedlich gut gelungen sind. Hermine erscheint mir als ein ziemlich schwacher Charakter. Ihre allbekannten Eigenschaften sind nicht besonders ausgeprägt und sie tut einfach nichts aufregendes. Sie bleibt grundsätzlich ihrer Persönlichkeit treu, ist aber nur als liebgewonnene Figur da. Sie nimmt teil am Geschehen und ist nicht (auffällig) überflüssig, dennoch fehlt ihr hier das spezielle Etwas. Generell macht sich das ikonische Trio in diesem Buch rar.

Dumbledore finde ich ebenfalls schwach geschrieben oder besser gesagt: Es wurden bewusste, wenig gelungene Entscheidungen getroffen. Er ist diese ominöse Figur im Hintergrund und das abwesende Objekt von vielen von Harrys Gefühlen. Das alles hat zwar eine Botschaft, aber der Verbundenheit des Lesers zu dieser Mentor- und Vaterfigur schadet das sehr. Das klärende Gespräch am Ende hat mich nicht begeistert, ist aber kein großer Minuspunkt wie die Endlosmonologe im letzten Band, zumal es diesmal ein richtiger Dialog ist.

Harry fühlt sich echt an. Das ist ein wahnsinniges Lob, denn es zeigt, wie gut J.K. Rowling es in diesem Fall geschafft hat, dass ich nicht nur über seine Schulter gucke, sondern tatsächlich durch seine Augen sehe. Er hat Fehler auf allen Ebenen - das brauchen Protagonisten außerhalb von Märchen – und „echte“ Gefühle, die Sinn ergeben, obwohl sie manchmal keinen Sinn ergeben. Das stellt seine inneren Konflikte wunderbar heraus und macht auch klar, dass Harry eben ein Teenager ist und auch so empfindet. Das ganze funktioniert fantastisch und ohne doll zu nerven. Harrys Charakter wird in diesem Buch deutlich nuancierter, authentischer und tiefer.

Den Orden des Phönix selbst finde ich nicht herausragend gemacht, aber definitiv imposant. Durch die komplette Geheimhaltung gegenüber den Protagonisten und dann kurze Erzählsequenzen bleibt die Spannung vom Anfang, der großen Enthüllung, als Harry das erste Mal vom Orden erfährt, nicht erhalten. Er funktioniert überaus gut als Element in dieser Welt von Harry Potter, aber im Buch kommt er eher flach als mysteriös rüber.

Die Umbridge-Geschichte dagegen – der bei Weitem größte Teil des Buches - ist immens gut geschrieben. Sie eskaliert in exakt dem richtigen Tempo und sie als Figur ist einfach so gut gemacht. Sie ist definitiv eine der Figuren, die mir am stärksten im Gedächtnis bleibt und vom letzten Mal geblieben war. Durch ihr klares und einfaches „Design“ von Aussehen und Charakter her ist sie überaus einprägsam. Das „einfach“ beinhaltet, dass sie nicht sehr facettenreich ist oder einige nicht gut rüberkommen. Dadurch gab es ein, zwei Stellen, bei denen ich dachte, „Das würde Umbridge doch nicht tun, das ergibt keinen Sinn.“, aber es macht sie als Antagonisten sehr gut geeignet. Sie ist eine tolle Abwechslung zu Voldemort; andere Intentionen, andere Ausgangssituation, andere Herangehensweise und sie muss auf andere Art bekämpft werden.


Spoiler-Warnung für den nächsten Absatz!

Auch die Nebenplots sind wirklich gut, allerdings hätte ich mir von der revolutionären DA erhofft, dass sie mehr Platz im Buch und damit in Harrys Kopf einnimmt und eine stärkere Parallele zum Orden bietet. Doch sie spielt nur eine kleine Rolle und trägt wenig zum Plot bei. Beim Hauptplot selbst habe ich nur einen Kritikpunkt: Eines der wenigen markanten Ereignisse ist die „Verbannung“ Dumbledores. Abgesehen davon, dass sein Auftauchen am Ende des Buches fast keinen Effekt hat, weil die Verbannung nicht lange genug her war, fehlte mir die Zuspitzung. Umbridge hatte vorher schon fast uneingeschränkte Macht durch den Minister und daher kann sich nicht mehr viel ins Schlimmste steigern. Deswegen hat Dumbledores Verschwinden trotz der großartig dramatischen Szene praktisch keine Auswirkungen auf Umbridges Wirken und den Plot. Die Moral im Schloss sinkt noch ein bisschen. Aber nur ein bisschen, weil alle bis zum Ende fest an seine Rückkehr glauben. Also: Toller Plotpunkt, der sich nicht gut in den Spannungsbogen einfügt.


Spoiler-Warnung für den nächsten Absatz, aber auch, wer es nicht gelesen hat, kann sich denken, dass das passiert!

Der erste Zweck dieses Buches ist, dass das Zaubereiministerium von Voldemorts Rückkehr überzeugt wird. Und das passiert komplett auf den letzten paar Seiten. Es ist eigentlich kein Teil der Geschichte. Der zweite Zweck dieses Buches ist, dass die Zauberergemeinschaft von Voldemorts Rückkehr überzeugt wird. Das ist ein bedeutender Teil des Buches und spielt vorzüglich mit der Umbridge-Geschichte zusammen, hat allerdings keinen klaren Ausgang.

Spoiler-Warnung Ende


Ich habe das Gefühl, zur Gesamtstory trägt das Buch nicht viel bei. Allerdings ändert sich das, wenn ich den Gesamtspannungsbogen über die Bücher davor betrachte. Wenn man es herunterbricht, passiert in jedem Buch extrem wenig für die Gesamtstory und das Wichtigste davon in den letzten 50 oder 100 Seiten. Aber darum geht es gar nicht so sehr. Schließlich ist das keine Trilogie oder Septologie, sondern eine Reihe. Jeder Band hat seine eigene Geschichte, die zur Gesamtgeschichte beitragen soll – im Ergebnis jedenfalls. Hier ist es so, dass bei den späteren Bänden mehr und mehr das Geschehen der vorigen Bücher eingebunden wird, aber alles in allem soll jeder Band sein eigenes Buch stehen.


Wie bei den Bänden davor glaube ich, dass eine Kürzung - eine gut gemachte - diesem Buch einiges Gutes hätte tun können. Eine nicht radikale Kürzung hätte es schaffen können, die Eindrücke in diesem Buch zu schärfen. Das klingt unverständlich, soll aber heißen: Mit einer Kürzung hätte man den Fokus besser legen können. Dabei meine ich nicht, dass Teile des Geschehens oder auch nur Gedanken und Gefühle weggeschnitten werden sollen, sondern dass sie komprimiert werden sollen. Vielleicht hätte man so einige Gedankengänge und Charakterzüge präziser darstellen können, ohne den Zauber zu verlieren. Nicht jeder Leser hat die Ausdauer, ein so langes Buch innerhalb einer Woche zu lesen. Und dann kann es passieren, dass der Anschluss verloren geht und der Anfang des Buches so weit entfernt scheint, dass er sich mit dem Ende und allem dazwischen nicht mehr zu einem Gesamterlebnis zusammenfügt.

 

Ich denke, „Harry Potter und der Orden des Phönix“ hat nicht den besten Ruf von den sieben Bänden. Es hat besonders viele Seiten, auf denen verhältnismäßig wenig passiert. Bände davor habe ich ins Genre Abenteuer geordnet, das tue ich hier nicht. Es ist anders als die anderen Bände und zum vollgepackten Band davor ein ziemlich starker Bruch. Es beginnt wieder im Ligusterweg. Der Anfang hat, wie in den vorigen Büchern, ein anderes Tempo als der Hauptteil des Bandes, in diesem Fall des Bandes davor. Der endete zwar ebenfalls ruhiger, aber der Hauptteil und Höhepunkt bleiben natürlich stärker im Gedächtnis. Nur bleibt das Tempo in diesem Fall langsam, auf einigen Ebenen jedenfalls: Harry, Ron und Hermine verfolgen keine Spuren und Rätsel, sondern sie schmieden geheime Pläne und versuchen zu überleben, ohne von der Schule zu fliegen. Das Buch ist leiser als die anderen, das macht der Kontrast zum vierten Band sehr deutlich. Und so hat er sich, auf ganz andere Art und Weise, ebenfalls fünf Sterne und meinen Respekt verdient.

 


Apropos „Orden des Phönix“, ich finde, Fawkes ist eine fantastische Figur. Und vermutlich der Grund dafür, dass Phönixe meine Lieblingsfabelwesen sind.


Ich habe die deutsche Erstausgabe aus dem Jahr 2003 gelesen, erschienen beim Carlsen-Verlag.

 

Kleine Anmerkung: Mit 1022 Seiten ist es das dickste Buch der Reihe und auch generell ein sehr dickes Buch. Das ist nicht negativ, aber auch nicht unbedingt positiv. Beim Lesen ist mir aufgefallen, wie instabil es erschien. Es hat, wenn es nicht sehr gerade gehalten wurde, ein bisschen gewabbelt (es tut mir leid, aber ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll). Es fühlt sich so an, als würde es bei einer unbedachten Bewegung einfach in der Mitte durchreißen. Das ist besonders bei einem Hardcover-Buch kein angenehmes Gefühl.

 

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