Nach einer wahren Geschichte
Nach einer wahren Geschichte
11. Juni 2018
von Kathrin
5 Sterne
Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

Achtung--- Spoiler-Alarm


Delphine de Vigan erzählt in ihrem neuen Roman „Nach einer wahren Geschichte“, wie sie nach ihrem ersten großen Erfolg immer tiefer in einer Schreibblockade versinkt. Zunächst verliert sie ihr Formulierungsvermögen, später kann sie nicht einmal mehr einen Stift halten und das Öffnen einer Word-Datei versetzt sie in Panik. Grund dafür, doch das merkt sie zu spät, ist L., eine Frau, die sich in ihr Leben einschleicht und erst zu einer, später zur einzigen Freundin wird, zu der Delphine noch Kontakt hat. Die beiden lernen sich auf einer Party kennen. Schnell erkennen sie ihre Gemeinsamkeiten und aus diesem ersten Treffen entwickeln sich viele weitere. Delphine findet in L., die sie wegen ihrer Eleganz und Klugheit bewundert, eine Gesprächspartnerin, die ihre Sorgen und Ängste, aber auch ihre Hoffnungen und Wünsche zu verstehen scheint, und ihr ihre volle Aufmerksamkeit schenkt. Mit der Zeit wird L. immer übergriffiger, versucht Delphine bei dem Thema ihres neuen Buches zu beeinflussen und ihr ihre Vorliebe für fiktionale Geschichten auszureden. Delphine dagegen wird immer unsicherer und ist schließlich sogar unfähig, auf die Mails ihrer Freundinnen oder ihrer Lektorin zu antworten. L. hilft ihr auch in dieser Zeit und wird schließlich die verlässlichste und vertrauteste Person im Leben der Autorin. Sie übernimmt mehr und mehr Delphine´s Aufgaben, beantwortet wichtige Mails und fährt an ihrer Stelle zu Signierstunden (oder gibt zumindest vor, es zu tun) – schließlich imitiert sie sogar ihren Kleidungsstil und ihre Art, sich zu Bewegen. Kurzum, sie rezipiert Delphine´s Leben. Diese möchte das selbst nicht wahrhaben, ist für die Hilfe sehr dankbar und führt all die plötzlichen Ähnlichkeiten auf den Zufall zurück. Doch mit der Zeit ergeben sich neben L.´s Übergriffigkeit auch anderweitig merkwürdige Situationen und Widersprüche in ihrem Verhalten... So benutzt diese einmal, in Gedanken vertieft, problemlos die rechte Hand, obwohl sie wiederholt betont hatte, sie sei, wie Delphine, Linkshändlerin (und sich auch stets so verhielt). Auch scheint sie Delphine isolieren zu wollen und distanziert sie von ihren Freunden und ihrem Umfeld. Delphine kommt all dem langsam auf die Schliche und misstraut ihr mehr und mehr, doch wird sie es schaffen, sich rechtzeitig ihrem Bann zu entziehen?

Dieser Roman erzählt zunächst wunderbar die Geschichte dieser beiden Frauen und beschreibt sehr schön, soweit man sowas „schön“ machen kann, die Gefühlswelt und den damit einhergehenden sozialen Rückzug von Delphine. Gegen Ende hat sich mir immer wieder die Frage gestellt, ob L. eventuell eine andere Seite von Delphine sein könnte? Möglicherweise ihre personifizierten Selbstzweifel, so etwas wie ihr innerer Kritiker? Das fiktionale Idealbild einer Frau, die sie gerne wäre? Einen Hinweis darauf gibt schon der Name: L. Im französischen steht dieses einfache L auch für „elle“, das „sie“ bedeutet. Ein weiteres „Indiz“ ist ihr spurloses Auf- und Abtauchen. Keiner scheint sie gesehen zu haben, geschweige denn zu kennen. Immer öfter zweifelt der Leser an L.´s Existenz, denn diese wird gegen Ende des Buches mehr und mehr zu einem undeutlichen Schemen. Die Konturen dieser Frau, die noch wenige Kapitel zuvor in ihrem Auftreten und ihrer Art so unglaublich präsent war, beginnen zu verwischen und lassen nur eine undeutliche Nebelgestalt zurück. Alles was Delphine, und damit auch der Leser/Hörer, über L. zu wissen meint, zerstreut sich von Seite zu Seite mehr. Die Geschichten aus ihrer Vergangenheit stammen aus Büchern und die Freunde und Bekannten von denen sie erzählt, stellen sich entweder als fiktiv heraus, oder haben noch nie etwas von ihr gehört. All das hat zur Folge, dass Delphine´s Umfeld sehr kritisch auf die Geschichte reagiert, L. für eine Phantasterei und Delphine selbst für psychisch krank hält. Vielleicht übernimmt man als Leser auch unbewusst einen Teil dieser Meinung und zweifelt deshalb an L., ich weiß es nicht. Andererseits taucht immer, wenn dieser sich mit dem Gedanken anfreundet, L. habe womöglich nie existiert, ein kleines Detail auf, welches sie zurückholt und wieder greifbar macht. Irgendwie verliert man sich schließlich heillos in den Spekulationen und landet mit den Gedanken irgendwo, nur nicht in der Realität – oder vielleicht doch?

Denn dieses Buch spielt mit den Gegensätzen von Fiktion und Realität. Zum einen auf der Charakterebene in Form der Diskussionen zwischen Delphine und L., aber auch auf diese sehr subtile, schwer greifbare Art der Erzählung, die die Macht hat, lebensechte Figuren zu erschaffen, ihnen innerhalb weniger Seiten Gegenwart und Vergangenheit zu rauben und ihre Existenz zu hinterfragen. (Was sehr traurig wäre, wenn L. hier nicht die Rolle einer Superschurkin inne hätte)

Bei der Art der Erzählung erhebt sich die „Zukunfts-Delphine“ auf eine Meta-Ebene und kommentiert ihre eigenen „Erinnerungen“. Die gesamte Geschichte wird in Rückblicken erzählt. Dabei greift  sie teilweise voraus und gibt dem Leser einen Einblick in die späteren Ereignisse, teilweise überspringt sie aber auch Abschnitte, auf die sie erst später zurückkommt. Der Leser weiß von Anfang an, dass L. die Schuld an Delphine´s Schreibblockade trägt, doch die genauen Zusammenhänge erschließen sich erst nach und nach. Die Erzählerin, die „Zukunfts-Delphine“, scheint das Buch nach ihren Gedankengängen aufzubauen und zu strukturieren, um die Geschehnisse für sich selbst zu rekapitulieren. 

Beim zweiten Mal hören ist mir auch der Wandel ihrer Ängste aufgefallen, der in gewisser Weise einen Rahmen um ihre Beziehung mit L. setzt. Bei ihrem ersten gemeinsamen Gespräch unterhalten sich die beiden über das Gefühl des Erfolgs. Dieses sei wie das Gefühl, nackt auf der Straße von einem Scheinwerfer erfasst zu werden. Diese sehr abstrakte Angst, findet ihr etwas konkreteres Pendant an der Stelle, an der sich ihre Wege endgültig trennen. Delphine ist halbnackt auf der Straße unterwegs, um vor L. zu fliehen und fürchtet, gleich von den Scheinwerfern ihres Autos erfasst zu werden. (Das nur als kleines Beispiel dafür, dass man immer wieder neue Zusammenhänge entdecken kann.)

Alles in allem ist es ein sehr schönes Buch, das voller kleiner, schöner Details steckt und so auch nach mehrmaligem Hören/Lesen noch Spaß macht. Ich kann es auf jeden Fall empfehlen und gebe daher 5 Sterne.


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