Nichts, was uns passiert
Nichts, was uns passiert
21. März 2020
von Kathrin
4 Sterne
Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

Anna und Jonas sind Studenten in Leipzig und lernen sich über einen gemeinsamen Freund kennen. Anna sagt, sie fand Jonas anfangs nicht besonders sympathisch und auch Jonas erzählt, ihre Provokationen seien nervig und anstrengend gewesen. Trotzdem unterhalten sie sich stundenlang zu zweit, werden vertrauter und landen schließlich betrunken miteinander im Bett. Das erste Mal als das passiert, war es einvernehmlich. Beim zweiten Mal ist genau das die Frage.

Der Roman „Nichts, was uns passiert“ von Bettina Wilpert erzählt die Geschichte einer Vergewaltigung – oder vielmehr die vielen Geschichten ein und derselben Vergewaltigung, denn wann immer man mit Menschen zu tun hat, gibt es plötzlich mehr Wahrheiten, als nur die eine. Das zumindest machte das Buch mir auf eindrucksvolle Weise bewusst. Der Schreibstil ist rational, emotionslos und distanziert. Alle bekommen das Recht ihre Version zu präsentieren und keine Aussage wird einer anderen vorgezogen. Der Text imitiert ein Interview, bei dem die Fragen fehlen und erinnert dabei stark an einen Polizeibericht.

Was ich an diesem Buch so mochte, war besonders die unvoreingenommene Darstellung. Keiner wird der Lüge bezichtigt, bei beiden gibt es Widersprüche und jeder hat das Recht sich zu verteidigen. Das macht es dem Leser unglaublich schwer den wirklichen Ablauf herauszufinden. Und vielleicht gibt es manchmal gar keine objektive Geschichte, weil Menschen Dinge eben unterschiedlich wahrnehmen.

Das Buch zeigt einem, dass eine solche Situation nicht immer einfach ist. Es gibt verschiedene Sichtweisen und Gründe für bestimmte Handlungen. Den oder die Beschuldigte(n) als den Menschen zu zeigen, der er/sie ist, heißt nicht, die Handlungen zu entschuldigen, sondern zu versuchen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Dieses Buch ist emotional aufreibend, denn man befindet sich während des Lesens ständig zwischen den beiden Fronten – man möchte beiden glauben und weiß am Ende doch nichts. Ich kann es definitiv empfehlen und war selbst nach der Lektüre erstmal sehr erschlagen von der Thematik.

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