Onkel Toms Hütte
Onkel Toms Hütte
14. September 2019
von Kathrin
5 Sterne
Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

„Die Gefühle lebenden Eigentums beim Wechsel seiner Besitzer“


Das Buch „Onkel Toms Hütte“ habe ich vor einigen Jahren von meiner sehr lieben, aber auch sehr religiösen Urgroßcousine zusammen mit dem Buch „Ich glaube – kleiner katholischer Katechismus“ zu Weihnachten geschenkt bekommen. Wie ihr euch vermutlich vorstellen könnt, war ich als ungetauftes, zehnjähriges Kind eher mäßig begeistert und so wanderten beide Bücher, ohne ihre Klappentexte eines Blickes zu würdigen, ins Regal, wo sie jahrelang wetteiferten, wer von ihnen eine größere Staubschicht ansetzen könne. Jetzt, Jahre später, hat uns unsere Englischlehrerin von „Onkel Toms Hütte“ erzählt und ich, deren kindliche Phantasie oder eine merkwürdige Verwechslung im Laufe der Jahre zu dem Vorurteil geführt hatten, dass es darin um einen alten Mann ginge, der mit Hunden auf einer Hütte lebe und vom katholischen Glauben schwärme, wurde eines besseren belehrt. 


Tatsächlich hätte meine Vorstellung nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können. Es handelt sich um eine Darstellung der Sklaverei in Amerika Mitte des 19.Jahrhunderts. Die Geschichte beginnt auf einer Farm in Kentucky, wo das Ehepaar Shelby mit all seinen Sklaven auf einem großen Anwesen lebt. Auch Onkel Tom, der beste und treueste Sklave der Familie, hat dort seine Hütte und führt mit seiner Frau und seinen Kindern ein bescheidenes, aber sehr glückliches Leben. Mrs. Shelby kümmert sich um die Sklaven, als wären es ihre Kinder und erzieht sie im Sinne des Christentums. Besonders Eliza, eine sehr schöne Sklavin, die ihr Mr. Shelby als neunjähriges Mädchen schenkte, hat sie sehr ins Herz geschossen. Doch leider hat ihr Ehemann durch einige ungekannte Geschäfte Schulden bei einem Sklavenhändler, die so hoch sind, dass er sie nicht mehr bezahlen kann. Er hat die Möglichkeit, entweder Tom, oder aber seine gesamte Farm mit all seinen Sklaven zu verkaufen und entscheidet sich schweren Herzens für ersteres. Während der Verhandlungen stolpert ein kleiner, etwa vierjähriger Sklavenjunge ins Zimmer, der durch seine herausragende Schönheit auffällt. Nachdem seine Mutter, Eliza, ihn hinausgetragen hat, fordert der Händler auch das Kind, um die Schulden auszugleichen. Mr. Shelby muss zustimmen und unterschreibt den Vertrag, während Eliza an der Tür lauscht. Nun entwickeln sich zwei Handlungsstränge: Während sich Eliza zur Flucht nach Kanada entschließt, um ihr Kind vor dem brutalen und profitsüchtigen Händler zu beschützen, ergibt sich Tom pflichtbewusst seinem Schicksal und gelangt bald von einer Familie zur nächsten. Mal gehört er einem sanften Herrn, der ihn schont und auf Augenhöhe behandelt, mal gelangt er in die Hände eines rachsüchtigen und kaltherzigen Widerlings, der Menschen verbraucht, wie manch anderer sein Klopapier. 


Dieses Buch ist, erstmal rein vom fiktionalen Standpunkt aus betrachtet, wunderbar! Ich habe das Haus zwei Tage lang nicht mehr verlassen, ohne es in der Tasche zu tragen, oder in den Händen zu halten. Oft musste ich weinen, nur um einige Seiten später wegen eines Kommentars, einer Überschrift, oder einer scharfsinnigen Bemerkung der Autorin an den Leser zu schmunzeln. Manchmal schien die Situation so ausweglos, dass ich mich, frustriert und niedergeschlagen, zu einer kleinen Essenspause zwang. Tatsächlich hält solche eine Passage aber nie lange an, denn Onkel Tom versteht es meisterlich, Hoffnung in den traurigsten Momenten zu wecken. Und ja, mit einer Vermutung hatte mein zehnjähriges Ich tatsächlich Recht: Tom schwärmt vom Glauben, aber in einer liebenswürdigen und ergreifenden Art. Man muss dieses Buch immer vor dem Hintergrund der Zeit und der Gesellschaft sehen. 

Und hier wird es ernst, denn dieses Buch zeigt, was Mitte des 19.Jahrhunderts Realität war. So war es nun einmal normal, dass es Menschen zweiter Klasse gab, die manchmal noch unter den Tieren standen. Dass ihre Herren die volle Verfügungsgewalt über sie hatten und ein Mord an diesen Menschen nichts anderes, als die Zerstörung eines OBJEKTES war, und auch, dass auf Familienbande und Gefühle von liebenden Partnern oder Eltern in den seltensten Fällen Rücksicht genommen wurde. 

Harriet Beecher Stowe hat die Geschichte aus ihren eigenen Erfahrungen und den Erzählungen ihrer Bekannten zusammengesetzt und nutzt die Religion, um die Absurdität der Sklaverei darzustellen. Sie spielt immer wieder mit den Gegensätzen, dass Sklaven für Objekte gehalten werden, aber in die Kirche gehen, an Gott glauben UND eine unsterbliche Seele haben. Generell hebt sie wiederholt hervor, wie unlogisch die Argumente sind, mit denen der Süden Amerikas damals noch immer die Sklaverei verteidigte.

Das sieht man auch an den sarkastischen Überschriften, die da heißen:

 

„Das Eigentum wird fortgeschafft“

Oder auch

„Die Gefühle lebenden Eigentums beim Wechsel seiner Besitzer“


Ich kann euch dieses Buch nur empfehlen und war beeindruckt, wie differenziert Harriet Becher Stowe die Situation darstellt. Für "Onkel Toms Hütte" gibt es ganz klar 5 Sterne!

 

 

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