Talking it over
Talking it over
27. April 2020
von Kathrin
4 Sterne
Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

„Memory is an act of will, and so is forgetting”


Der Roman Talking it over” von Julian Barnes ist geschrieben wie ein Gespräch. Die Figuren unterhalten sich mit dir und erzählen ein und dieselbe Geschichte aus ihrer ganz persönlichen Perspektive. Dabei reden sie frei durch- und übereinander und wissen doch selbst nie genau, was die jeweils anderen erzählt haben. Ich muss zugeben, ich habe noch nie ein Buch gelesen, dessen Handlung so simpel (beinahe langweilig), dessen Schreibstil und Charakterdesign aber gleichzeitig so großartig waren!

Stuart und Oliver sind seit Schulzeiten beste Freunde, doch dabei so unterschiedlich, dass diese Tatsache die meisten Menschen überrascht. Stuart ist sehr gewissenhaft und verantwortungsbewusst, Oliver oft sarkastisch, ein wenig arrogant und trotz seiner umfassenden Bildung immer wieder arbeitslos. Sie kennen sich wahnsinnig gut und ihre Beziehung wird auch nicht gestört als Stuart ein Mädchen kennenlernt und sich in sie verliebt. Im Gegenteil, denn Gillian freundet sich schnell mit Oliver an, akzeptiert seine Eigenheiten sofort und so kommt es, dass das Paar ihn bei ihren gemeinsamen Aktivitäten stets mitnimmt. Schließlich heiraten Gillian und Stuart – alles scheint wunderbar, doch just auf der Hochzeit verliebt sich Oliver in Gillian und die Verstrickungen beginnen.

Ja, es ist eine weitere Geschichte über gescheiterte Freundschaften und zerbrochene Ehen, aber dieses karge Grundgerüst ist es nicht, was den Charme dieses Buches ausmacht.

Die Atmosphäre der Erzählungen ändert sich wiederholt und durchläuft während der Geschichte enorm viele Stufen. Sie gleicht zunächst einem Gespräch in der Bahn, wird schnell zur Erzählung eines entfernten Verwandten spät am Abend auf einem Familienfest, entwickelt sich langsam zur Beichte zwischen besten Freunden und endet schließlich auf einer Ebene der Intimität, die fast mit Tagebucheinträgen zu vergleichen ist.

Ich fand wahnsinnig beeindruckend, wie sehr die Charaktere in diesem Buch Gestalt angenommen haben und ehrlich gesagt habe ich das in dieser Form noch nie erlebt. Mir ist hierbei das erste Mal aufgefallen, wie wichtig es ist, Figuren eine eigene Sprachmelodie zu geben. Gillian, Stuart und Oliver wirkten teilweise, auch durch die direkte Anrede, zum Greifen nah und als ich das Hörbuch hörend durch den Park schlenderte, war mir manchmal fast so, als ginge ich mit diesen drei Personen spazieren. Das ist neben dem wunderbaren Schreibstil des Buches sicher auch den Hörbuchsprechern Clare Higgins, Alex Jennings und Steven Pacey zu verdanken. Gerade in der momentanen Situation, in der Kontakte zu anderen Menschen auf ein Minimum beschränkt werden, fand ich es wirklich schön, wie schnell mir die drei Personen vertraut wurden.

Bemerkenswert ist außerdem auch der wunderbare Humor Julian Barnes, der mich immer wieder schmunzeln oder auch laut auflachen lies (was andere Menschen im Park nicht selten irritierte). Außerdem mochte ich, dass ich nicht gezwungen war, Partei zu ergreifen. Ich konnte mir die einzelnen Berichte anhören und schließlich alle drei Sichtweisen verstehen. Mir wurde keine Moral aufgezwungen und jede Handlung hatte ihr Berechtigung. Alles in allem kann ich das Buch, aber besonders das Hörbuch, wärmstens empfehlen!


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