The Hill We Climb
The Hill We Climb
22. April 2021
von Gast
4 Sterne
hat 4 Sterne vergeben

Amanda Gorman ist seit sie ihr Gedicht „The Hill We Climb“ auf der Inauguration von Präsident Biden vortrug wohl eine der berühmtesten Poetinnen der Welt. Nun erschien eine zweisprachige Ausgabe des Gedichts bei Hoffmann und Campe. 
Als ich das erste Mal von dem Gedicht hörte, war ich sehr überrascht, eine schöne politische Nachricht aus Amerika zu hören. In ihrem Gedicht spricht Gorman über ihre Hoffnung für eine bessere, gerechtere Zukunft. Durch Einigkeit und Zusammenhalt „wollen wir diese verwundete Welt zu einer wundersamen erhöhen.“ Sie ruft alle dazu auf, zusammenzustehen denn “There is always light if we are only brave enough to be it.”
Gormans Lyrik ist wunderschön und enthält einige Formulierungen, die ich am liebsten tätowiert haben möchte. Den Text noch einmal im eigenen Tempo zu lesen, solange man ihre Stimme noch im Ohr hat, macht ihn noch eindrucksvoller. Gerade durch Gormans Betonung entstehen ein paar Reime und Wortspiele, die man sonst übersieht. Sich diese noch einmal auf der Zunge zergehen zu lassen, macht das Buch lesenswert.
Die deutsche Version des Gedichtes hat mich allerdings nicht so mitgerissen. Man merkt, dass sich die drei Übersetzerinnen bei diesem Text wirklich Gedanken gemacht haben. Ich glaube auch, dass es fast unmöglich ist, Gedichte so zu übersetzen, dass jemand, der eine andere Sprache spricht, tatsächlich die volle Schönheit des Gedichts begreift. Mal ganz abgesehen von Wortspielen, die gar nicht übertragen werden können, ist es auch sehr schwer Anspielungen in eine andere Sprache zu übertragen. Hier haben sich die Übersetzerinnen aber viel Mühe gegeben, deshalb gibt es einen Anhang mit Erklärungen zu einigen Anspielungen.
Die Anmerkungen lesen sich ein bisschen wie „Kann Spuren von… enthalten“- Hinweise auf Verpackungen. Aber im Gegensatz zu Nusspuren im Müsli, löste das Hamilton Zitat wohl eher einen positiven Schock aus. Obwohl es manchmal weit hergeholt scheint, sind die Spuren von Martin Luther King, der Bibel und der Konstitution wichtig für die Wirkung des Textes. Diese Nuancen verleihen dem Gedicht zusätzlich Bedeutung. Trotzdem sind die Anmerkungen ein bisschen, als würde man den Witz erklären. Wenn man die Anspielung bereits verstanden hat, wirken sie ungeschickt und aufdringlich. Andererseits sind es diese Anspielungen, die sonst in der Übersetzung verloren gehen würden. Für Menschen, die das Hamiltons Zitat nicht erkannt haben, war es bestimmt ein lustiger Fun Fact.
Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Übersetzung zu sehr versucht hat, es allen recht zu machen. Zwischen der Message des Gedichts, seiner jungen Vortragenden und ihrer Ausdrucksweise, der politischen Botschaft in den Zeilen, der Kunstfertigkeit, den Reimen und Witzen, den Anspielungen und Zwischentönen, ist irgendwie die Poesie verloren gegangen. Gerade weil der Text politisch ist, ist es wirklich wichtig, ihn nicht nur den Worten nach, sondern seiner Intention angemessen zu übersetzen. Das haben die Übersetzerinnen sehr gut gelöst, aber durch diesen Fokus hat er meiner Meinung nach einiges an Schönheit eingebüßt. 
Ob der Text tatsächlich „Das berühmteste Gedicht der Welt“ ist, wie der Klappentext so reißerisch behauptet, kann ich nicht sagen. Ich finde es schwierig, Gedichte zu vergleichen (und ja, das sage ich als jemand die Poetry Slam macht…) Aber es ist im Moment eines meiner Lieblingsgedichte, weil es mir Hoffnung auf eine bessere Welt zurückgibt, die mir angesichts der Politik heutzutage manchmal abhandenkommt.

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