Mich hat das Buch absolut gefesselt. Wie es in skandinavischer Literatur/Filmkultur charakteristisch ist es durch und von einer düsteren Stimmung (Nor. mørk stemning; Swe: mörk stämning) umsponnen.
Die Geschwister Alva (5) und Abdi (13) sind auf der Flucht. Ihre Heimat Norwegen wird von mysteriösen Ungeheuern heimgesucht und das letzte, was sie von ihrer Mutter zu hören bekamen, war ein „Lauft!“, bevor sie durch die Kralle eines der Ungeheuer starb. Jetzt sind sie alleine im Wald unterwegs, ihr Ziel: Der Ort Djupevik, wo ein Schiff sie vom Festland wegbringen soll, weg von den Monstern und dorthin, wo sie ihren Vater vermuten.
Die unbekannten Wesen tauchten plötzlich auf und überfielen erst Großstädte, dann ländliche Regionen. Niemand weiß, woher sie sind, welches Ziel sie haben, im Verlauf der Geschichte wird nur ihr Aussehen angedeutet, und dass sie eine sehr hohe Intelligenz zu besitzen scheinen.
Dass die Unbekannten Unbekannte bleiben gefällt mir sehr an dem Buch. Monster = Monster; Ziel = Ziel; Angst= Angst. Wie durch ein Fenster, sieht man als Lesende*r den Weg der Kinder, wenige Rückblicke, aber nicht das Ende ihrer Reise. Es hat den Charakter einer Kurzgeschichte, was die bedrohliche Stimmung nur weiter verstärkt.
Die brutale Realität, die die Autorin skizziert, lässt Lesende scharf
einatmen, teilt aber einen Alltag außerhalb des unseren mit, in dem Menschen, niemandem vertrauend, fliehen und jederzeit um ihr Leben fürchten müssen. In mir hat das einen anderen Blickwinkel auf die Welt und ihre Bürger*innen getriggert. Auch nur annähernd solch etwas
durchmachen zu müssen traumatisiert einen bis in die letzten Stunden.
Besonders spannend finde ich zwei Aspekte:
-Die Reaktion des menschlichen Körpers auf Situationen, wie diese, in denen trotz schwindender Energie und Aussichtslosigkeit, nur der Weg nach vorne, irgendwo hin, möglich ist.
-Die Psychologie der Ungeheuer. Sie scheinen zu wissen, wie die Menschen funktionieren, klopfen an Türen, verstecken sich, sind koordiniert, unberechenbar und unbekannt.
Nun, um nochmal darauf zurückzukommen, dass ich meinte, dass die Monster Monster bleiben würden: Für die Kinder in der Geschichte, ja. Für mich als Lesender nicht mehr so ganz. Wir besprachen das Buch in der Gruppe und die Frage kam auf, ob die Ungeheuer und die Fluchtgeschichte nicht eine Metapher sein könnten. Und ja, das könnten sie durchaus sein. Was wäre denn, wenn die als Monster dargestellten Gestalten ein Bild für menschliche Soldaten sein sollen? Für Kinder sind Menschen, die andere Menschen töten und verfolgen doch Monster. Und das sollten sie nicht nur für Kinder sein.
Auf den Roman aufmerksam wurde ich durch eine Anfrage der Rezensentin
Gudrun Stenzel, die nach jugendlichen Perspektiven zu der Geschichte
fragte.
Im Mailaustausch mit ihr erfuhr ich auch, dass sie denken würde, das Buch sei zwar über Kinder, und auch als für jugendliche vermarktet, aber doch sei die eigentliche Lektüre für die Erwachsenen. Sie könnten viel eher etwas verändern. Da stimme ich ihr zu. Kinder sind zwar keine machtlosen Wesen, jedoch wird in unserer Gesellschaft ziemlich alles von Erwachsenen bestimmt.
Ich habe vorher noch keine Lektüre dieser Art gelesen, finde es meine
neuen Sichtweisen aber durchaus wert.
Im Bezug auf meinen Zustand bei dieser Lektüre ließe sich die
Schlagzeile „Horror ab 11 lässt 16-Jährigen nicht einschlafen“ etwas
überdramatisiert entwickeln.
Das Ende ist offen und schließt keine weiteren Gefahren aus.