Was fehlt, wenn ich verschwunden bin
Was fehlt, wenn ich verschwunden bin
16. Juli 2015
von Linnea
5 Sterne
Linnea Jahrgang 1997 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

Phoebe, ein neunjähriges Mädchen, schreibt Briefe an ihre ältere  Schwester April, welche aufgrund ihrer Magersucht in einer Klinik ist.  Die kleine Phoebe hat so viele Fragen und schreibt, um die Leere, die  ihre April in der Familie hinterlassen hat, zu füllen. Wann wird April  zurückkommen? Wird sie zurückkommen? Phoebe,  die eigentlich noch viel zu klein ist, sucht Antworten, die sie noch  gar nicht verstehen kann, und versteht sie doch besser als ihre Eltern.  Durch ihre Briefe versuchen die beiden Schwestern sich mit Hilfe ihrer  Worte zu retten.

„Rücksicht nehmen ist eine schöne Wortzusammensetzung. Weil es  klingt, als würde man sich umdrehen, jemanden sichten und dann  zurückgehen, um für ihn da zu sein. Ich werde immer für dich  zurückgucken. Und auch nach vorne und zur Seite. Überallhin wo du gerade  bist! Und ich werde dich immer sichten, selbst wenn Tausende von  Menschen um dich herumstehen und einige davon dir ganz ähnlich sehen.“

Worte voller Emotionen und tiefer Gedanken besetzen jede Seite ganz  dicht, sodass einem teilweise die Luft zum Atmen wegbleibt. Lilly  Lindner spielt so selbstverständlich und federleicht mit ihren Worten,  dass ich manchmal vergaß, dass diese leicht bewegbaren Worte mich auf  eine ganz intensive Weise berühren.
In ihrem Buch gibt es jedoch keine Seite, die nicht die tiefe und stille  Verzweiflung der beiden Mädchen aufs Schärfste ausdrückt. Es sind  Worte, so messerscharf wie eine Rasierklinge, die das Leid greifbar  machen. Das Leid und vor allem die Stille, welche durch die Briefe in  die Leere ganz besonders zu spüren ist, die einen verschluckt.
Ich habe mich noch nie beim Lesen eines Buches so alleine gefühlt.  Dieses Gefühl, zu wissen, dass jemand gegen die Stille und den leeren  Platz anschreibt und doch keine Antwort erhält, hat mich teilweise  selbst zerrissen. Dazu dieser Kontrast, dass die Worte einen auffangen  und versuchen einen zu beschützen, macht das Buch einzigartig. Die  Verzweiflung der Schwester mit ihren vielen Worten ist gefühlvoll und  zart beschrieben. Derartige Worte ließen mich spüren,  wie kostbar Worte  sein können und dass es nicht die schweren Worte sein müssen, sondern  die vorsichtigen. Eine ganz besondere, außergewöhnlich poetisch schön  traurige Geschichte, die mich immer wieder zu Tränen gerührt hat.

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