Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

„Aber wenn es nur eine Art von Menschen gibt, warum können sie dann nicht miteinander auskommen? Wenn sie alle gleich sind, warum haben sie dann nichts anderes im Kopf, als sich gegenseitig zu verabscheuen?“

"Wer die Nachtigall stört" oder "To Kill a Mockingbird" von Harper Lee ist ein autobiographischer Roman der Autorin, welche ihrem Alter Ego den Namen Scout verleiht. Aufgewachsen in den amerikanischen Südstaaten der 1930er Jahre ist ihre Kindheit eng mit rassistischen Vorurteilen und sozialer Trennung verbunden.

Als Kinder eines angesehenen Anwalts erleben Scout und ihr Bruder Jem eine friedliche, fast idyllische Kindheit, die sich allerdings wandelt, als ihr Vater Atticus die Verteidigung eines schwarzen Landarbeiters vom Stadtrand übernimmt, dem vorgeworfen wird, er habe ein weißes Mädchen vergewaltigt. Obwohl alle Indizien gegen diesen Verdacht sprechen, sind sie danach oft den Vorwürfen der anderen Stadtbewohner ausgesetzt, die behaupten, ihr Vater sei eine Schande. Trotz allem bleibt Atticus seinem demokratischen Gerechtigkeitsempfinden treu und erfährt nach und nach mehr Zuspruch und Respekt. Während dieser Zeit begleitet man die beiden Kinder auf ihrem Weg zu selbstbewussten und menschenfreundlichen Personen, die sich weigern, die alten Traditionen zu übernehmen und ihre Freiheit zu verteidigen wissen.

Dieses Buch zieht einen auf wunderbar leichte Art in seinen Bann, denn die hier beschriebene Handlung beginnt erst ab Seite 100. Zuvor und auch während dieser Vorfälle geht es in erster Linie um die Kindheit von Scout und Jem, ihre Freundschaft zu Dill, und um den geheimnisvollen Boo Radley, der den Legenden der Nachbarschaft nach von seinem Vater eingesperrt wurde und seit fünfzehn Jahren keinen Fuß vor die Tür seines kalten und streng abgeriegelten Familienhauses gesetzt hat.

Die Geschichte ist trotz der widrigen Umstände, während derer sie spielt, unfassbar hoffnungsvoll und optimistisch. Jedes Gespräch zwischen Atticus und seinen Kindern beflügelt die eigenen demokratischen Ideale und man lernt ein ums andere Mal, Menschen zu schätzen und zu respektieren, unabhängig von ihren persönlichen Ansichten. Ganz allgemein findet man in Atticus, Scout und Jem, Charaktere, die man für ihr Gerechtigkeitsempfinden, ihre Ernsthaftigkeit und ihren Mut bewundern lernt. Nicht zuletzt deshalb werden die knapp 450 Seiten zu einem wunderbaren Wechselspiel aus Freude, hoffnungsvoller Zuversicht und Traurigkeit darüber, dass all ihre Bemühungen stets auf die Ablehnung und die konservativen und herzlosen Ansichten vieler Stadtbewohner prallen. Doch wer glaubt, sie könnten daran zerschellen, liegt definitiv falsch. Und nach und nach erringen sie sogar die ersten kleinen Erfolge.

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