You Are (Not) Safe Here
You Are (Not) Safe Here
28. Juni 2020
von Rina
4 Sterne
Rina Jahrgang 2003 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

Leighton hat zwei kleine Schwestern, eine Mutter und einen Vater. Ihre Schwestern beschützt sie, egal, was es sie kostet. Ihre Mutter beschützt Leighton und ihre Schwestern. Und ihr Vater ist das, vor dem sie alle beschützt werden müssen.

Leighton lebt in einer kleinen Stadt in Pennsylvania, wo jeder jeden kennt, es weniger als fünf Prozent Schwarze gibt und sie wirklich, wirklich gerne weg will. Sie steht kurz vor ihrem Abschluss und will Journalismus studieren. Dafür arbeitet sie durchgehend an ihren Noten und der Schulzeitung, wo sie Redakteurin ist. Doch sie kämpft mit sich, weil sie ihre Schwestern nicht zurücklassen will. Schon jetzt geht sie auf keine Partys und trifft sich kaum mit Freunden, denn sie kann ihre Schwestern nicht mit ihm alleine lassen.

Das Buch handelt von häuslicher Gewalt. Nicht von Schlägen, sondern von dem Geschrei, den zerbrochenen Gläsern und vor allem der Angst, die über allem liegt. Es erzählt in etwa 380 Seiten viel mehr darüber als man in einer Rezension auch nur andeuten kann. Eine große Rolle spielt das Schweigen – nichts dem Vater gegenüber sagen, das ihn wütend machen könnte, und schon gar nicht irgendjemand anderem irgendetwas sagen; sie tun es ja auch nicht.

Die Geschichte spielt zwar viel in Leightons „Zuhause“, aber auch außerhalb geschieht einiges: Hauptsächlich entwickelt sich die Beziehung zu ihrem ersten Freund, der seinerseits mit Perfektionismus und Diskriminierung zu kämpfen hat und dem sie endlich vertrauen kann.
Das ganze Buch ist in den Rahmen eines riesigen Krähenschwarms gesetzt, der die Stadt besetzt. Ein großes Thema für Leighton, besonders journalistisch, und symbolisch erstaunlich effektiv, wenn auch nicht immer ideal eingesetzt.

Die Charaktere sind teils fantastisch ausgearbeitet, teils verschwommen. Etwa habe ich das Gefühl, dass ich Campbell (eine der Schwestern) fast persönlich kennengelernt habe, während ich nur eine vage Ahnung habe, wer Juniper (die andere Schwester) ist. Leighton und ihr Freund sind total greifbar, aber von ihrer Mutter, obwohl viel über sie erzählt wird, habe ich keinen guten Eindruck.

Mir gefallen die einzelnen Handelsstränge ebenso wie der allgemeine Erzählstil. Aber, wie die Autorin auf gewisse Weise in ihrer Danksagung selbst schreibt, einige rote Fäden werden fallengelassen und über viele Kapitel nicht einmal berührt, nur um dann irgendwann, als wären sie vergessen und gerade erst wiedergefunden worden, plötzlich aufzutauchen. 

Außerdem bin ich kein großer Fan des Schreibstils. Ich vermute allerdings, das liegt an der Übersetzung, denn mir geht es um einzelne Worte oder Satzstrukturen, die nicht zu passen scheinen, ein wenig seltsam sind. So, wie es bei einer Übersetzung leicht passieren kann. Das ist besonders schade, da es zwischendrin Passagen gibt, die mich wirklich mit ihren kraftvollen, bedeutsamen Worten erstaunen und eindrucksvoll im Gedächtnis bleiben.

Es gibt an der Geschichte selbst nur wenige Dinge, die mich stören. Das ist zum einen der Fakt, dass Leighton nie ernsthaft darüber nachzudenken scheint, sich Hilfe von außerhalb zu holen. In der Stadt mag das schwierig bis unmöglich sein, aber dass sie sich nicht einmal groß mit Möglichkeiten beschäftigt, scheint mir unwahrscheinlich. Und dann wäre da noch ihr Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie ist wütend auf ihre Mutter, weil sie den Vater trotz inständiger Bitten nicht verlässt, scheint sie aber trotzdem als eine Art Engel mit sehr kleinem Makel zu sehen. Aus dem, was im Buch steht, lese ich, dass Leightons Mutter zwar versucht, die Wut ihres Mannes abzufangen, aber weiß, dass ihre Töchter dem trotzdem nicht entgehen. Dennoch unternimmt sie keinerlei Versuche, ihn zu verlassen oder sonstiges. Und Leighton sieht das, findet es furchtbar und bewundert ihre Mutter trotzdem so sehr? Es kommt mir vor, als wären einige wichtige Stellen nicht im Buch gelandet, die alles etwas plausibler machen würden.

Ich stehe diesem Buch zwiespältig gegenüber. Es hat wahrhaft Geniales – in Formulierung, Plot und Erzählung – ebenso wie erkennbare Schwächen. Selbst beim Schluss gibt es Teile, die ich unfassbar gut gelungen, und andere, die ich einfach nur übertrieben und seltsam finde. Es ist ein gutes Buch über eine allzu bekannte Geschichte, aber ungewöhnlich und interessant genug erzählt, das ich es wirklich gerne gelesen habe. Das Thema ist ein sehr wichtiges sowie ein sehr heikles und auch wenn ich jetzt glaube, einen besseren Eindruck vom Gefühl der allgegenwärtigen Angst zu haben, kommt mir die Situation im Haus ein wenig … vereinfacht vor. Es passt nicht immer perfekt zusammen damit, wie die Menschen sich verhalten. Die Handlung, die Figuren, der Schreibstil (Ursprung ist hierbei unklar) – das Buch ist nicht so richtig rund. Dinge geschehen zu plötzlich und bei einigen Figuren lernt man nicht ihre Tiefe kennen, sodass sie unverständlich bleiben. Es gibt emotionale Aspekte und Elemente des Plots, die zwar auftauchen, aber noch nicht wirklich ihren Platz gefunden haben. Sie sind zu klein oder deplatziert oder fehlen an anderen Stellen.

Alles in allem ein durchaus empfehlenswertes Buch, wenn man ein paar Macken übersehen kann.

„You Are Not Safe Here“ ist das Romandebüt von Kyrie McCauley und wurde erstmals 2020 in den USA veröffentlicht. Ich habe die deutsche Erstausgabe gelesen, erschienen 2020 beim dtv und übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn. Das Original heißt "If these wings could fly" (was ein sehr viel besserer Titel ist).

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