Erinnerungen

„Wenn du ein Buch auf eine Reise mitnimmst, dann geschieht etwas Seltsames: das Buch beginnt, deine Erinnerungen zu sammeln. Du wirst es später nur aufschlagen müssen, und schon wirst du wieder dort sein, wo du zuerst darin gelesen hast.“ Cornelia Funke, Tintenherz

Wenn ich bestimmte Bücher aus meinem Regal öffne, habe ich eine Lawine Sand in meinem Zimmer, Sand, der aus einem vergangenen Sommer stammt. Wenn das richtige Lied im Hintergrund läuft, fühle ich mich wie zurückversetzt an den Ort, an dem ich dieses Buch zum ersten mal gelesen habe.

Der Sand, der am Strand vom Wind zwischen die Seiten geweht wurde und die winzigen Grashalme und auch die wenigen Käferchen, zerdrückt in ihrem Grab aus Wörtern, gehören zu den Dingen, die mich an den letzten Sommer erinnern. Im Kopf erscheinen Bilder vom strahlenden Himmel und mir wird gleich wärmer. Ich meine, die warme Sommersonne auf meinem Gesicht zu spüren. Ein Buch, das die Erinnerungen an diesen Sommer konserviert hat, macht mich glücklich.

Aber andere Bücher haben auch traurige Erinnerungen aufgenommen. Jede einsame Stunde, die ich verloren mit einem Buch auf dem Sofa verbracht habe, kommt zurück, wenn ich nur seine erste Seite aufschlage. Ich muss nur an den Seiten riechen, so nah, dass die Nase fast das Papier berührt, dann habe ich einen leichten Geruch von Himbeeren in der Nase, mein absoluter Notfall-Trostduft. Himbeeren haben etwas Beruhigendes,Beschützendes, der Geruch von Himbeertorte aus der Küche meiner Oma. In manchen Büchern aus einer traurigen Zeit finde ich später Schokoladenflecken oder auch Wassertropfen, Tränen: Gefühle, die das Buch aufgenommen hat, um mich im richtigen Moment daran zu erinnern.

Ob ich ein Buch mag oder nicht, ob ich es noch einmal lese oder nicht, hängt oft auch stark davon ab, wie es mir ging, als ich das Buch zum erste mal gelesen habe. Denn wer wird schon gerne an einen Forever-alone-Tag erinnert? Doch wenn das Buch an einen fröhlichen Tag erinnert, ist es oft so, dass ich es bald darauf halb auswendig kenne.

Carolin Lindow, Mai 2013

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