Interview mit Margit Ruile

Interview

Blaue Seite:  Erste Frage: Was haben Sie sich als erstes gedacht, als Sie die Anfrage bekommen haben, und das Thema "Wo Spuren verwischen" gehört haben?


Margit Ruile: Na, ich habe mir gedacht, dass das eigentlich ganz gut zusammenpasst. Ganz am Anfang vom Buch beschreibe ich das ja auch, dass einer seine Spuren verwischt. Es geht im Buch auch ein Stück weit darum, wie man im Internet seine Spuren verwischt und in dieser virtuellen Welt nicht mehr sichtbar ist. "Dark Noise" geht ja eigentlich immer um diese Wechselwirkung zwischen der virtuellen Welt und der wirklichen Welt.


Blaue Seite: Was war denn Ihr erster Gedanke, als Sie wussten, dass Sie so ein Buch schreiben werden?


Margit Ruile: Also, ich hatte die Geschichte so grob im Kopf, dass es eben um jemanden geht, der Überwachungskameras manipuliert und dann wusste ich auch, dass es jemand sein muss, der einsam ist. Denn wenn Zafer sehr viele Freunde gehabt hätte, dann hätte er auch davon gesprochen, dann hätte er es auch irgendjemandem erzählt. Deswegen habe ich mir gedacht, dass ich jemanden nehmen müsse, der ein bisschen von den anderen abgeschnitten ist und habe dann auch versucht, das im Buch zu klären. Zafer ist so sehr in dieser "virtuellen Welt" drinnen, dass er die "wirkliche Welt" auch vernachlässigt.


Blaue Seite: Können Sie sich mit irgendeiner der Figuren in dem Buch identifizieren?


Margit Ruile: Ich kann mich eigentlich mit allen identifizieren. Ich habe immer verstanden, wie es Zafer geht, denn wenn man schreibt, dann ist man auch so ein bisschen isoliert und sehr in seiner eigenen Welt und manchmal ist es dann sogar schwer, Brücken in die wirkliche Welt zu bauen. Emily konnte ich auch verstehen. Ich glaube, dass man über niemanden wirklich gut schreiben kann, wenn man nicht wenigstens Teile der Persönlichkeit dieser Person in sich selber hat.


Blaue Seite: Wie viel Prozent von "Dark Noise"  könnten sie sich auch in der reellen Welt vorstellen?

Blaue Seite: Sie haben ja zuerst beim Film gearbeitet und sind dann erst zum Schreiben gekommen. Was fasziniert Sie denn so am Film?


Margit Ruile: Naja, die Bilder! Eigentlich, dass man eine Geschichte mit Bildern erzählt. Ich habe ja an der Filmhochschule studiert und dort war die erste Übung, die wir machen sollten, eine Geschichte ohne Sprache zu erzählen, also es durfte kein Dialog vorkommen und das war eine große Herausforderung. Da hatten wir auch am Schneidetisch gearbeitet, das ist der Tisch, wo man den Film "montiert". Das habe ich noch richtig mit Hand gemacht. Man hat zwar keine Scheren genommen, wir hatten so Klebepressen. Man musste den Film noch rausziehen und man hatte große Filmrollen. Also, interessanterweise ist die Arbeit am Schneidetisch ganz ähnlich wie die Arbeit beim Schreiben, weil man sozusagen eine Geschichte zusammenfügt.


Blaue Seite: Was meinen Sie: Hat ihre Arbeit beim Film Auswirkungen auf Ihren Schreibstil?


Margit Ruile: Ja, natürlich! Es gibt zwei Auswirkungen. Die eine ist, dass ich die ganze Dramaturgie vom Film gelernt habe, also wie man dramaturgisch vorgeht. Ich denke beim Schreiben immer in drei Akten. Ich sehe das Ganze dann immer eher als Film vor mir und zweitens versuche ich immer sehr visuell zu schreiben. Eigentlich ist es immer so, dass ich im Kopf einen Film habe und ich diesen Film dann "abschreibe". Also ich versuche das, was ich sehe, in Sprache umzusetzen.


Blaue Seite: Sie haben ja ein breites Spektrum an Bücher geschrieben: Kinderbücher, eine Dystrophie, jetzt einen Thriller. Warum haben Sie denn so viele verschiedene Genres geschrieben?


Margit Ruile: Ich möchte nicht ein Genre haben und mich darauf festlegen lassen. Ich finde das eigentlich ganz langweilig, weil ich versuche, mich bei jedem Buch auch persönlich zu entwickeln. Also, ich schreibe nicht nur, weil das mein Job ist und ich damit Geld verdienen will, sondern eigentlich möchte ich mich selber jedes Mal weiterentwickeln. Also irgendwie eine interessante Frage zu beantworten, die ich mir selber stelle und ich will mich auch künstlerisch weiterentwickeln und das hat sich so ein bisschen ergeben und ich glaube, immer das gleiche zu machen, ist nicht gut.

Blaue Seite: Stehen Sie persönlich eher positiv oder eher negativ zur Digitalisierung?


Margit Ruile: Weder noch, weil die Digitalisierung ist einfach etwas, was einfach da ist. Wir können das nicht aufhalten, es ist wie so eine Welle. Manche Sachen sind gut, manche sind super, zum Beispiel, dass man sich wahnsinnig schnell vernetzen kann, dass man Gleichgesinnte über Ländergrenzen hinweg findet, dass man sich Fotos schicken kann usw. Das alles ist praktisch, es ist super, es bringt Menschen zusammen. Und dann gibt es natürlich auch ganz viele negative Dinge, dass man sich so verliert in dieser Welt, und dass es so wahnsinnig den Alltag bestimmt. Also, ich glaube, es ist eine richtig große Revolution.


Blaue Seite: Ich weiß nicht, ob Sie das schon wissen: Wir machen ja die meisten Interviews für die "Blaue Seite", unser Online-Jugendliteraturmagazin und was ist für Sie denn eine „blaue Seite“, wenn Sie das zum ersten Mal hören?


Margit Ruile: Ich hab's euch mitgebracht! Weil ich hab da draufgeklickt und das gesehen. Das dauert jetzt kurz, ich zeig euch jetzt meine blaue Seite. Das (zeigt den Startbildschirm ihres Laptops, ein Meer) (lacht) ist meine blaue Seite. Ich habe als Startbildschirm immer ein Meer. Eigentlich ist es ja verrückt: Ich sitze da und muss immer in die Weite gucken. Ich habe auch ein anderes Meer. Das ist jetzt hier das Mittelmeer, ich habe aber auch die Nordsee! Das hier ist die Nordsee, je nach Stimmung. Ich muss immer das Gefühl haben, dass ich in die Weite schaue und in der Ferne irgendwie die Geschichte oder vielleicht die Lösung eines Problems sehe. Die blaue Seite, darauf gucke ich jeden Tag!


Blaue Seite: Und das ist das, woran Sie als erstes gedacht haben?


Margit Ruile: Genau.


Blaue Seite: Ja, Dankeschön für das Interview!


Margit Ruile: Gut. Wollt ihr sie fotografieren, also von Weiten? ich mach's mal ein bisschen blauer... 

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