Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
18. März 2020
von Hangzhi
4 Sterne
Hangzhi Jahrgang 2004 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben


Manja Präkels autobiografisch angehauchter Roman folgt der Geschichte der in turbulenten Zeiten aufwachsenden Mimi Schulz. Geboren in die sogenannte „Havelstadt“ (gemeint ist Zehdenik, eine Kleinstadt etwas nördlich von Berlin) als Kind eines zeitlebens an Gesundheitsproblemen leidenden Verkäufers und einer tief vom Sozialismus überzeugten Lehrerin und Pionierleiterin, erlebt sie erst eine idyllisch scheinende Kindheit in den 80er Jahren der DDR. Mit ihren Freunden und vor allem mit Oliver, dem schüchternen Nachbarsjungen, treibt sie sich in der Gegend herum und verspeist auch die eine oder andere Schnapskirsche… Doch auch in der per Staatsdoktrin einheitlich sozialistischen DDR braut sich langsam aber sicher eine immer weiter zu spürende gesellschaftliche Unzufriedenheit auf. In der Schule werden Zweifel an der Ideologie der Jugendorganisationen der SED laut, bei ungezügelten Stammtischrunden werden rassistische Äußerungen getätigt und als Erich Honecker zurücktritt und schließlich die Mauer fällt, wird gejubelt. Mittlerweile haben die Jugendlichen neben typischen Problemen des Erwachsenwerdens auch mit einer zunehmenden Bedeutungs- und Perspektivlosigkeit zu kämpfen, viele verfallen dem Charme der brutalen, rechtsextremen Banden, auch viele von Mimis alten Bekanntschaften schließen sich begeistert der Bewegung an, die mit Gewalt und Hass anscheinend eine Flucht aus der Tristesse der Realität verspricht. Oliver macht sich als Anführer unter dem Namen „Hitler“ einen Namen, seine Leute verfolgen Andersdenkende und Gastarbeiterfamilien, wenden Gewalt gegen sie an. Einer von Mimis Freunden fällt ihnen zum Opfer, der Fall wird schnell ausgeblendet und vergessen. Sie müssen lernen, sich zu verstecken, wegzulaufen, nicht selbst Opfer zu werden – eine mehr als schwere Aufgabe in einer Zeit und Region, in der das Extreme und Gewalttätige beinahe die schweigende Normalität darstellt.

Gerade die schlichte und teils brutale Direktheit, die beinahe absolute Realitätstreue (anderen Autoren wirft man ja gerne vor, sie würden vieles in ihren Geschichten an den Haaren herbeiziehen, große Teile der Erzählung hier basieren jedoch auf Erlebnissen aus Präkels‘ eigenem Leben, sie ist unter sehr ähnlichen Umständen aufgewachsen) und der eher beschreibende als erklärende Stil machen „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ zu einem sehr eindrucksvollen Zeugnis der gesellschaftlichen Stimmung auf der ostdeutschen Provinz in den Jahren vor und nach der Wende. Die beschriebenen Situationen kamen mir fremd vor, schockierten mich, machten mir aber auch gerade dadurch bewusst, dass auch solche Ereignisse traurigerweise Realität in unserem Land sind oder waren, wobei ich erst einmal mit dem Stil warm werden musste (ging aber nach einigen Seiten) und mir viele Randgeschichten beim ersten Lesen irrelevant schienen (vielleicht sind es aber auch sie, die im Gesamten betrachtet das Ganze rund werden lassen, die mir teils fremde Welt näher und greifbarer machen...). Durch die authentische jugendlich-heranwachsende Perspektive erschien mir das ganze noch etwas verständlicher. Genug Raum zum eigenen Nachdenken über das hochaktuelle Thema der rechtsextremen Gewalt wird ohnehin gegeben. Auch die genannten Probleme des Heranwachsens, namentlich die eigene Identitätsfindung, der Umgang mit sozialen Umfeldern und ihren Konflikten und die Entscheidung über mögliche Zukunftsperspektiven werden gekonnt und fühlbar in das Szenario integriert – da spürt man wieder die autobiografische Orientierung. Man fühlt mit der Protagonistin mit (oder kann es sehr gut versuchen), spürt dadurch die die Orientierungslosigkeit, gar die Angst, die sich durch den raschen System- und Umfeldwandel ergeben haben und kommt sich mit ihr zusammen hilflos vor.

Gerade in politisch turbulenten und gesellschaftlich kritischen Zeiten wie diesen lege ich Euch dieses Buch wirklich ans Herz. Es besticht dadurch, dass es nicht (wie andere) versucht, simple Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme unserer heutigen und der damaligen Zeit zu finden, sondern vielmehr uns die Atmosphäre der Probleme erleben lässt und uns Raum gibt, selbst zu verstehen.

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