Farm der Tiere
Farm der Tiere
29. März 2020
von Hangzhi
5 Sterne
Hangzhi Jahrgang 2004 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

„All animals are equal but some animals are more equal than others.“

Animal Farm (zu deutsch: Farm der Tiere), der 1945 erschienene Klassiker von George Orwell, ist eine Parabel auf die Anfangstage der Sowjetunion bis hin zu ihrer Entwicklung zu einem allseits bekannten, autoritären Stalinismus und im weiteren Sinne gesehen auch ein zeitloses Werk, das den zutiefst menschlichen Konflikt von Macht, Gier und Gerechtigkeit thematisiert.

Das Ganze wird in einem sehr gut lesbaren, mitunter an Fabeln erinnernden Stil erzählt: Die auf einer Farm mitten in England lebenden Tiere werden von ihrem Bauer grausam behandelt, die Arbeit ist hart, Nahrung ist auf ein Minimum reduziert, damit für die Menschen so viel wie möglich übrig bleibt. Doch dem alten, weisen Eber Major kommt nach langem Nachdenken eine Fülle von revolutionären Ideen, er teilt sie den anderen Tieren mit und stirbt kurz danach. Sein Vermächtnis, die Lehren des Animalismus, wie sie schon bald genannt werden, stellen die Gleichheit aller Tiere in den Vordergrund und streben nach dem Umsturz der menschlichen Vorherrschaft. In einem Sturm der Begeisterung bereiten die Tiere die Rebellion vor und schaffen es sogar, Jones zu vertreiben. Ab jetzt werden Angelegenheiten basisdemokratisch entschieden, Grundrechte und -regeln aufgestellt, Arbeit je nach Fähigkeiten gerecht und Essen für alle Tiere gleich aufgeteilt. Eine utopische Welt scheint nahe.

Schon bald kommt es zu Richtungsstreits zwischen zwei Schweinen, die die intellektuelle Leitung der Verwaltungsangelegenheiten übernommen haben. Schneeball, der eloquente Redner, der die Masse der Tiere hinter sich weiß und der manipulative und zu Gewalt und Repression bereite Napoleon widersprechen sich bei jeder Gelegenheit. In einer besonders hitzigen Diskussion wird Schneeball kurzerhand von abdressierten Hunden von der Farm gejagt und ward nie wieder gesehen. Napoleon übernimmt die Alleinherrschaft. Schritt für Schritt werden zuvor als selbstverständlich angesehene Rechte ausgesetzt, die Wahrheit umgedichtet und das höchste Ideal des Animalismus, die Gleichheit der Tiere, gilt auch schon lange nur noch auf dem Papier. Diejenigen, die mit dem Ziel, die gewalttätigen Ausbeuter zu entmachten, angetreten sind, sind selber in Angesicht der Macht zu solchen geworden.

Die Farm der Tiere ist wirklich dünn, wenn man es in den Händen hält, und so überrascht auch nicht, wie schnell man es gelesen hat. Dabei wird geschickt in der simplen, äußerst bildlichen Handlung mithilfe von einprägsamen Allegorien zu wichtigen Persönlichkeiten und Personengruppen eine gesamte Chronik der sowjetischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargeboten und, viel wichtiger, durch diesen Rahmen verständlich gemacht, wie eine solche auf anfangs so erstrebenswerten Grundwerten aufbauende Revolution sich selbst zerstören konnte und zu ihrem genauen Gegenteil ausarten konnte. Während des Lesens erlebt man voller Grauen mit, wie immer mehr Repression die Überhand gewinnt und die Masse durch geschickte Maßnahmen zum Schweigen gebracht wird, während sich die Mächtigen auf ihrem Thron des Unrechts ausruhen. Man möchte für die leidenden Tiere Partei ergreifen, und vor allem die herrschende Klasse wegen ihrer gnadenlosen, gezielten und vor allem trotz angeblicher Ideologie unmoralischen Ausnutzung der Tiere beschuldigen - und gleichzeitig wird einem unübersehbar vors Auge geführt, wie naheliegend und irgendwo menschlich ihr Verhalten doch ist.

Definitiv eine sehr empfehlenswerte, kurze Lektüre, die den*die Leser*in vor moralisch-politische Fragen stellt und gerade durch seine Darstellung des Fallenlassens von eigenen Idealen ein Appell für Gerechtigkeit und Moral ist, der kaum stärker sein kann.

Wie hat dir das Buch gefallen?
Nach oben scrollen