Gesang der Fledermäuse
Gesang der Fledermäuse
02. April 2020
von Kathrin
4 Sterne
Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

„Ich sehe nur Katastrophen. Doch wenn schon am Anfang der Untergang steht, kann man dann noch tiefer fallen? Jedenfalls kenne ich das Datum meines eigenen Todes, und daher fühle ich mich frei“

"Gesang der Fledermäuse" wurde von der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk geschrieben und 2009 in Polen veröffentlicht. Während des Lesens begibt sich der Leser in die karge und einsame Landschaft eines Hochplateaus an der polnisch-tschechischen Grenze. Dort, auf diesem Berg und in seliger Abgeschiedenheit lebt Janina Duszejko - Janina, die ihren Namen unausstehlich findet, weil er ihren Charakter nicht wiederspiegelt, die gerne Grenzen und Regeln übertritt, Geschehnisse mit dem Lauf der Sterne begründet und die in Tieren eine so viel freundlichere und verständigere Begleitung findet als in den meisten Menschen. Doch im Dorf am Fuße des Hochplateaus gilt sie trotz des Englischunterrichts, den sie den Schulkindern erteilt, nur als die verschrobene, alte Frau mit einem Hang zum Wahnsinn.

Während der Sommermonate wird das Hochplateau von Feriengästen und Zweithausbesitzern bevölkert. Im Winter teilt Janina sich die weite Fläche mit nur zwei alten Verbliebenen: Matoga und Bigfoot. Als Bigfoot eines Tages tot in seinem Haus aufgefunden wird, ist für Janina alles klar: Die Tiere rächen sich an den Jägern! Weitere Mordopfer bestärken ihren Verdacht und bald stürzt sie sich voller Elan – und mit ihren Kenntnissen in Astrologie ausgestattet – in die Ermittlungen, bei denen die auch der Polizei stets voraus zu sein scheint.


Obwohl es vielleicht so wirkt, handelt es sich hierbei nicht um einen klassischen Kriminalroman. Man rätselt als Leser nicht wirklich, wer diese Menschen nun tötet, obgleich die Auflösung definitiv überrascht. Vielmehr schwankt man zwischen einer psychologischen Analyse der Frau und einer philosophischen Betrachtung der Welt. Was ich an diesem Buch wirklich spannend fand, war der Meinungswechsel, der sich fast unbewusst vollzogen hat. Zu Anfang sah ich Janina, wie sie den Dorfbewohnern erscheinen muss – als eine verschrobene, alte Frau, die ihr Schicksal in den Sternen zu finden sucht. Gegen Ende des Buches sah ich die Welt durch ihre Augen und plötzlich schienen alle anderen kalt, herzlos und unvernünftig zu sein. Sicher – an Astrologie glaube ich noch immer nicht - aber Janina ist in diesem Dorf eine der wenigen, die sich für das Wohlergehen der Waldtiere einsetzt und sich den Jägern entgegenstellt. 

"Manchmal in Momenten des Zorns scheint alles ganz simpel zu sein. Der Zorn bringt Ordnung mit sich, er zeigt die Welt in offensichtlicher Kurzfassung, der Zorn bewirkt auch die Gabe des Hellsehens, was in keinem anderen Gemütszustand möglich ist."

Dieses Buch ist ein eigener philosophischer Diskurs über die Frage, wer uns Menschen das Recht gibt, uns über die Tiere zu stellen, sie zu jagen und schließlich zu töten. Und es ist beeindruckend, wie subtil dieser Roman eine Moral verkörpert, ohne dabei gleich belehrend zu wirken.

"Wenn ihr an den Schaufenstern vorbeigeht, in denen zerstückelte Leichenteile, was denkt ihr dann, was das ist? Ihr denkt nicht darüber nach, nicht wahr?"

Es ist eine Art Gedankenspiel: Was wäre wenn? In dem klar ist, dass die Handlungen von Janina falsch und unvernünftig sind. Dennoch erkennt man, was sie vermitteln möchte: Leben ist Leben. Und das sollte man respektieren. 

Doch bei einem Thema bleibt es nicht. Olga Tokarczuk scheint wie beiläufig Überlegungen und Gespräche einzuweben, die zum Nachdenken anregen. Ich kann dieses Buch nur empfehlen, denn es verbindet eine skurrile Geschichte mit spannenden Fragestellungen.

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