Warum Charlie Wallace?
13. Juni 2020
von Freya, Jan
Ø 3,5 Sterne
Freya Jahrgang 1994 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

Als Jonathan Charlie Wallace das erste Mal trifft, merkt er gleich, dass er etwas ganz besonderes ist. Charlie Wallace, dieser geheimnisvolle neue Schüler, der mit den Worten umgehen kann wie kein anderer, der jeden entweder fasziniert oder auf die Palme bringt.

Charlie und Jonathan freunden sich an. Und plötzlich beginnt Jonathan alles mit anderen Augen zu sehen. Charlies Offenheit und Wagemut zeigt ihm das triste New York von einer ganz anderen, wundervolleren Seite, einer Seite, die nur schwer zu finden ist. Und so beginnt eine ebenso wundersame Freundschaft zwischen den beiden.

Um ehrlich zu sein halte ich im Allgemeinen eher wenig von Büchern, die solch einen Personenkult beinhalten und bei denen auf jeder Seite „Charlie dies…“ und „Charlie das…“ geseufzt wird. Doch dieses Buch hat mich überrascht. Sehr sogar. Denn Warum Charlie Wallace? lässt neben Charlie noch Platz für Jonathan, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Charlie übertönt nichts und ist doch immer präsent, was das Buch zu einer sehr persönlichen Geschichte macht. Während des Lesens hat man aus unerfindlichen Gründen immer das Gefühl, das Buch sei einzig und allein für einen selbst geschrieben. So nah und individuell wie ich es noch nie bei einem Buch erlebt habe.

Da macht es dann auch weniger etwas aus, wenn der Aufbau der Geschichte etwas hinkt, das Ende eigentlich schon vorhersehbar ist. Die wahre Stärke der Charaktere macht dieses Buch zu etwas ganz besonderem.

hat 3 Sterne vergeben

Jonathan ist kein Mensch, der mal eben in der Schlange beim Coffeeshop neue Freunde findet. Oder auch nur der Bedienung einen guten Morgen wünscht. Doch dann trifft er Charlie, Charlie Wallace, der neu in New York ist, neu an Jonathans Schule. Und weil das Leben läuft, wie es läuft, schwänzen die beiden Charlies ersten Schultag zusammen, klappern Sehenswürdigkeiten ab und reden.
Charlie ist für den Protagonisten eine vollkommen neue Art von Person, einfach, weil er mit den Menschen redet. Er unterhält sich freundlich mit dem Pizzabäcker, feilscht mit dem T-Shirt-Straßenhändler und sieht sich auf naive Weise den tyrannischen Englischlehrer als ebenbürtig. Das ist auch der Plot; Junge lernt Junge kennen.

Als ich den Klappentext und das Cover kannte, dachte ich, ich werde eine Liebesgeschichte lesen. Zu Anfang des Romans dachte ich, das Buch wird eine Freundschaftserzählung. Jetzt aber weiß ich: es ist ein Portrait.
Jeder Handlungsstrang und jeder Hintergrund dient fast ausschließlich dazu, diesen Charlie zu beleuchten und darzustellen. Ob er dabei ein realistischer Charakter ist, oder ein spannender, ist nebensächlich. Denn die Welt muss sehen, wer das ist, Charlie Wallace.

Ich persönlich fand das Buch aus verschiedenen Gründen nicht besser als mittelmäßig; zum Beispiel geht es über fast 200 Seiten, was mir für diese Portraitidee ein wenig zu lang vorkommt, den Fokus aufweicht…
Trotzdem kann ich es aus zwei Gründen empfehlen: Zum einen lässt es sich leicht lesen. Ob nun gut oder schlecht, das Buch macht Spaß.
Zum anderen hat mich der Ansatz fasziniert. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu kritisieren, dass es kaum Handlung gibt, weil das Konzept des Buches auf inspirierende Weise ein anderes ist.

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