ich will kein inmich mehr sein - botschaften aus einem autistischen kerker
13. März 2019
von Rina
5 Sterne
Rina Jahrgang 2003 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

"auch ein stummer will sich artikulieren
auch er hat ein recht auf sprache
ohne sprache sind wir tote isolierte ausgestoßene apparaturen eine wichtige arbeit
stummen die sprache zu bringen
27.2.92"

Der Titel dieses Buches beschreibt eigentlich auch schon den Inhalt. Der Hauptteil besteht aus eben diesen Botschaften, die Birger Sellin - ein Autist - mithilfe gestützter Kommunikation verfasst hat. Er hat sein Leben lang nicht gesprochen, nicht geschrieben, es gab kaum Kommunikation von ihm zur Außenwelt. 1990 mit 17 Jahren lernt er dann mithilfe seiner Familie kurze Botschaften mit einem Finger zu tippen. Die Eltern sind überglücklich und Birger macht ständige Fortschritte, was Länge und Häufigkeit dieser Nachrichten angeht. Aber es ist ein Auf und Ab, schwierig für Birger und alle um ihn herum.
Am Anfang des Buches gibt es eine ausführliche Einleitung zu Birgers Leben und Autismus, von einem Journalisten geschrieben.

Ich finde dieses Buch vor allem unglaublich mutig. Birger öffnet sich fast komplett, um mehr Verständnis für stumme Autisten wie ihn selbst zu schaffen. In den kurzen Texten sind so viele offene, ehrliche und auch rohe Emotionen zu erkennen, die die wenigsten sich zu zeigen trauen. Birger will ein Botschafter für die stummen Autisten sein und erklärt so viel von seiner dürftigen Beziehung zur Außenwelt, dass es manchmal schwer zu verdauen ist. Er sagt, wie gut ihm ein einziger freundlicher Blick tut und wie sehr es ihn schmerzt, wenn andere ihn bei einem Schreianfall anstarren. Birger legt sein Wissen vom Lesen und Zuhören dar, er zeigt wie sehr er die Welt versteht, auch wenn es nicht immer so scheint, und erzählt von Leid und Schmerz, der immerwährenden Angst in ihm, und dem Glück, das er erfährt.
Die Schönheit dieser Texte liegt nicht in ihrer Form, sondern in ihrem Inhalt. Mehr Gefühle als man manchmal verkraften kann, werden komprimiert auf einzelne Worte wie "inmich", "ohnemich" oder "Kastenwesen". Sie beweisen, wie falsch Menschen liegen, die glauben Autisten seien grundsätzlich nicht intelligent oder gar gefühlslos. Nicht nur Erfahrungen aus dem Leben eines Autisten, sondern auch zutiefst philosophische Überlegungen über unsere Welt finden sich in diesem Buch wieder.

Birger Sellins Buch ist ganz sicher nicht einfach zu lesen. Damit meine ich nicht fehlende Satzzeichen und Wortneuschöpfungen, sondern vielmehr die Gefühle, die einen förmlich überwältigen beim Lesen. Diese Texte und dieses Buch sind etwas sehr Wertvolles.

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