Rotkäppchen muss weinen
01. Oktober 2010
von Freya
4 Sterne
Freya Jahrgang 1994 Redaktion Lübeck
hat 4 Sterne vergeben

Malvinas Erinnerungen sind ein Fotoalbum lauter weißer Flecken. Sie  will sich nicht zurückerinnern, sie kann nicht an jene  Freitagnachmittage denken, als sie nach dem Klavierunterricht zu ihren  Großeltern musste. Ihre Großvater, der jene schrecklichen Dinge tat, auf  dem Sofa im Salon, beim Knistern der Schallplatten. In der Badewanne,  beim Geruch von weißem Schaum und Ölen.
Ihre Großmutter, die von allem wusste und doch wegsah. Obwohl Malvina sie doch so sehr liebte.
Und jetzt ist ihre Großmutter tot. Es sind  Frühjahrsferien und Malvina muss jeden Tag zu ihrem Opa. Weil er alt und  einsam ist, sagen Malvinas Eltern, die ihr einfach nicht zuhören  wollen.
Malvina wagt es nicht, etwas zu sagen, jemandem von all dem zu erzählen.  Doch dann lernt sie Klatsche kennen, diesen seltsamen Jungen, dessen  richtigen Namen sie nicht weiß. Und Klatsche spürt, dass mit Malvina  etwas nicht stimmt.

Auzug aus dem Buch:

Jetzt müsste ich sagen, wie traurig ich das finde, dass niemand  Ahnung von mir hat, aber in meinem Hals sitzt immer noch dieser Kloß.  Ich versuche, ihn zu schlucken, aber der Kloß bleibt beharrlich in  meiner Kehle stecken, bis ich meine, ich muss daran ersticken. Pauls Arm  auf meiner Schulter macht das Ganze noch schlimmer. Wenn der Arm nicht  wäre, könnte ich von der Kühlerhaube springen und so tun, als würde ich  das auch finden. Ich würde den Kloß schlucken und lachen. Opa hat mich  von allen am liebsten. Ich würde sagen: Genau, Opa hat mich von allen am  liebsten, das weiß ich doch. Ich kann spüren, wie leicht dieser Satz  über meine Lippen kommen würde, wie ich damit meine Gedanken fortwische,  aus meinem Kopf lösche, damit alles wieder in Ordnung ist. Gibt es  Tintenkiller für Gedanken? Und für Gefühle? Den sollte mal jemand  erfinden. 

Beate Teresa Hanikas Geschichte über die dreizehnjährige Malvina, die  seit Jahren von ihrem Großvater sexuell Missbraucht wird, führt  vorsichtig an das schwierige Thema heran, ohne Malvina schwach und  würdelos darzustellen. Die wahren Ausmaße von Malvinas Not werden dem  Leser erst nach und nach bewusst, wie ein bedrohlicher Schatten, der von  Seite zu Seite weiter wächst und schließlich das Mädchen zu  verschlingen droht.
Und doch bleibt immer diese Hoffnung, Malvinas Erinnerungen an ihre  beste Freundin Lizzy und die Begegnung mit dem Jungen Klatsche, der so  unausstehlich erscheint und den sie doch nicht vergessen kann.
Die Ignoranz der Familie, die Ausweglosigkeit der Situation scheinen das  Mädchen zu zerdrücken und doch beweist Malvina eine beeindruckende  Stärke. Rotkäppchen muss weinen, ist ein starkes, emotionales und  einfühlsames Buch, eine Geschichte die sich der Wahrheit verschreibt und  doch so poetisch und anrührend ist.

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