Was man von hier aus sehen kann
Was man von hier aus sehen kann
29. August 2020
von Kathrin
5 Sterne
Kathrin Jahrgang 2002 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

"Man kann sich die Abenteuer,

für die man gemacht ist,

nicht immer

aussuchen"
 
Die Bewohner eines namenlosen Dorfs sind überwiegend nicht besonders abergläubisch, doch wenn Selma von einem Okapi träumt, zweifelt niemand das düstere Omen an. Allen ist klar, dass innerhalb der nächsten 24 Stunden einer von ihnen sein Leben lassen wird. Und natürlich auch den beiden 10-Jährigen Martin und Luise. Da hilft es auch nicht viel, dass Luises Vater nur immer den Kopf schüttelt und jedem erzählt, er solle doch mal „mehr Welt hineinlassen“ und Martins Vater Palm verächtlich durch seinen durch Zorn und Alkohol verwaschenen Charakter hindurchmurmelt, *er* habe doch keine Angst vor dem Tod. Selmas Traum sollte Recht behalten, denn er behielt immer Recht. Nach 29 Stunden war alles anders.
 
„Es sind nicht mehr alle da. Aber die Welt gibt es noch. Die ganze Welt minus eins.“
 
Luise wird größer und älter und die Dorfgemeinschaft mit ihr. Das Okapi sollte unbemerkter Weise noch häufiger in ihr Leben treten und sie selbst in das eines Buddhisten aus Japan. Ihr Vater wird finden, dass man nur in der Ferne wirklich wird und auf Reisen gehen, ihre Mutter wird einen Blumenladen und ein Verhältnis mit dem Eiscafébesitzer haben und sie selbst wird eine Ausbildung zur Buchhändlerin machen. Alle zusammen werden sie viele große, kleine und mittlere Eisbecher namens: „Heimliche Liebe“, „Flammende Versuchung“ oder „Heißes Verlangen“ löffeln und dabei die eigenen Gefühle in Truhen oder unter weiten Gewändern vergraben.
Ganz am Ende werden nicht mehr alle da sein. Aber die Welt wird es noch geben. Die ganze Welt minus vier.
 
„Was man von hier aus sehen kann“ ist ein komisches Buch; Merkwürdig ist wohl das richtige Wort, denn es ist wert, dass man es sich merkt. Es ist eine charmante Mischung aus skurrilem Märchen und tragischer Familiengeschichte, kommt allerdings ohne die schwere Düsternis oder den klebrigen Kitsch, die solche Bücher gewöhnlich in sich tragen, aus. Oft wirkt es wie eine wunderschöne, groß angelegte Metapher. Der Schreibstil ist leicht naiv und kindlich, was beim Lesen hin und wieder auffällt und für drei Sätze stört, allerdings schnell vergessen ist. Die schmucklose, direkte Art des Erzählens hat mir dagegen sehr gut gefallen. Sie lässt wenig Raum für überschwängliche Emotionen und wirkt paradoxerweise gerade dadurch noch ergreifender. Mariana Leky schreibt Bücher, in denen man sich von der ersten Minute an wohl fühlt. Die Dorfgemeinschaft scheint einen liebevoll und herzlich willkommen zu heißen und zieht einen mit in diesen speziellen, familiär anmutenden Kreis, in dem sich jeder um jeden kümmert.  
 
 

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