Interview

Interview mit Wolfgang Hohlbein zu „Mörderhotel“

Wolfgang Hohlbein: Wie komme ich zu der Ehre? Ist das ein Privatgespräch oder für eine Schülerzeitschrift?

Blaue Seite: Wir sind von den Bücherpiraten in Lübeck.

Wolfgang Hohlbein: Ich gestehe, dass ich die nicht kenne.

Blaue Seite: Wir sind ein Verein mit Jugendlichen,  die für Jugendliche über Bücher und Geschichten schreiben. Wir sind vom  Team der „Blauen Seite“. Wir führen Interviews und schreiben Rezensionen  für andere Jugendliche. Die findet man dann im Online-Magazin auf  die-blaue-seite.de.

Wolfgang Hohlbein: Aber lest Ihr noch ganz altmodisch auf Papier oder mehr E-Book und Tablet?

Blaue Seite (Hannah): Das Bücherlesen auf alle Fälle immer auf Papier.
Blaue Seite (Katharina): Bei mir haut es mit dem Platz nicht mehr ganz hin, deshalb bin ich schon zum Teil auf E-Books umgestiegen.

Wolfgang Hohlbein: Das ist der Grund, warum ich auch  auf E-Books umgestiegen bin. Zumindest bei Sachen, die ich nur zur  Unterhaltung lese. Auf der Bahnfahrt hierher lese ich tatsächlich nicht  Kleist oder sowas. Und ehrlich gesagt bin ich auch auf das E-Book  umgestiegen, weil es praktischer ist. Aber so im Winter am Kamin,  draußen Schnee, mit einem Glas Wein in der Hand, dann ist ein Tablet  schon unpassend, finde ich.

Blaue Seite: Ja, man muss halt seinen Weg finden.

Wolfgang Hohlbein: Genau. Hauptsache, die Geschichten stimmen.

Blaue Seite: Warum schreiben Sie keine „Reality“-Bücher?

Wolfgang Hohlbein: Ehrlich gesagt, weil es mich  nicht interessiert. Ich lese auch keine. Die normale Welt mit ihren ganz  normalen spannenden oder langweiligen kleinen Geschichten und Sorgen  habe ich schon im richtigen Leben. Wenn ich ein Buch zur Unterhaltung  lese, dann ist das für mich im besten Sinne des Wortes Fluchtliteratur.  Dann möchte ich für ein paar Stunden oder am besten ein paar Tage oder  Wochen in eine andere Welt, in ein anderes Leben flüchten. Ein Leben,  das ich selber nie kennengelernt habe und auch nie leben würde–  wahrscheinlich auch gar nicht wollte. Ich bewundere Leute, die Reality  spannend und fesselnd rüberkriegen. Aber ich glaube, dass ich das nicht  kann. Wahrscheinlich, weil es mich nicht wirklich interessiert. Deswegen  lese ich auch von der hohen Literatur nur Sachen, die ein bisschen  schräg sind: Kafka und so. Heinrich Böll steht beimir im Bücherregal,  der macht sich da gut, man will ja Eindruck schinden. Ich würde es nie  lesen – das ist jetzt keine Schelte. Das ist etwas, das mich einfach  nicht packt.

Blaue Seite: Okay, das kann man auch verstehen. Sie haben mal gesagt: „Das Grauen lebt immer nebenan.“

Wolfgang Hohlbein: Ihr kennt meine Nachbarn (lacht).

Blaue Seite: Stimmt das tatsächlich, wenn Sie an die Bücher und die Figuren denken, die Sie erschaffen?

Wolfgang Hohlbein: Ich weiß gar nicht, ob ich das  gesagt habe oder Stephen King. Das wird manchmal durcheinandergeworfen.  Vielleicht habe ich es auch von ihm geklaut, keine Ahnung. Aber egal:  Ich empfinde  das schon so. Der größte Schrecken ist ja eigentlich der, der sich im  Normalen verbirgt. Wenn ich eine Geschichte lese oder einen Film sehe,  wo es um Aliens geht, weiß ich, was kommt. Dann finde ich vielleicht die  Special Effects toll, vielleicht erschrecke ich auch mal, wenn der  Regisseur richtig gut ist, oder der Autor – aber das erwarte ich ja. Der  größte Schrecken ist aber der, der sich im ganz Vertrauten verbirgt.  Etwas, das Ihr Zeit Eures Lebens gekannt habt – oder geglaubt habt, zu  kennen. Und plötzlich steht da was ganz anderes. Den Namen habe ich ja  schon mal genannt: Mein großes Vorbild ist eben Stephen King. Eines  seiner besten, oder die beiden besten Bücher für mich sind „Cujo“ und  „Friedhof der Kuscheltiere“, weil da genau das passiert. Der süße  Kuschelhund von nebenan, der plötzlich zur mordenden Bestie wird. Oder  der liebe Kater und die hübsche Schmusekatze, die aus ihrem Grab  wiederauferstehen – das ist doch viel schlimmer als irgendwelche  tentakelschwingenden Monster. Das Gleiche gilt auch für einen guten  Kriminalroman oder für einen guten Thriller. Die besten sind nicht die,  in denen James Bond zum Mond fliegt und die Welt rettet. Die besten sind  die, in denen man plötzlich feststellt: Annika Subke von nebenan ist  eine Serienmörderin und jetzt hat sie es auf mich abgesehen. Das finde  ich viel, viel schlimmer als irgendwelche Blitze und Donner, Dämonen und  Ungeheuer.

Blaue Seite: Glauben Sie, dass es je ein Mörderhotel gab, gibt oder geben wird?

Wolfgang Hohlbein: Ich glaube es nicht, ich weiß es.  Ich habe mir die Geschichte nicht ausgedacht. Die ist tatsächlich so  passiert. Ich bin durch eine Dokumentation der BBC darauf aufmerksam  geworden. Mittlerweile gibt es auch im ZDF einen Film darüber. Was ich  in diesem Buch beschrieben habe, ist vielleicht nicht ganz so passiert,  aber es gab die Figur. Man hat diesem Menschen 23 Morde nachweisen  können – aber die Schätzungen liegen zwischen zwei- und dreihundert  Morden, die er begangen haben soll. Dieses Hotel hat ebenfalls  existiert. Ich habe auch ein paar Fotos davon. Und mit all diesen  Geheimgängen und Folterkammern, die er sich da eingerichtet hat – da hat  die Wirklichkeit die Fantasie überholt. Ich hätte mich nie getraut, mir  eine so grausame, aber auch absurde Geschichte auszudenken.

Blaue Seite: Wie schaffen Sie es denn, sich in diesen Menschen hineinzuversetzen?

Wolfgang Hohlbein: Ich versuche es und hoffe  natürlich, dass es mir nicht zu gut gelingt. Aber jeder hat eine böse  Seite, das Böse hat ja eine Faszination. Wer fände es denn nicht toll,  auch mal böse sein zu können? Das können Kleinigkeiten sein: den  ungeliebten Nachbarn dann doch mal die Reifen aufzuschlitzen oder so  was. Mit solchen Gedanken spielt doch jeder. Die meisten machen es  nicht, manche tun es doch. Manche lassen es nicht bei den Reifen  bewenden.

Blaue Seite: Das Grauen lebt immer nebenan.

Wolfgang Hohlbein: Ja, da sind wir wieder. Ich  versuche einfach, mir vorzustellen, wie ein normaler Mensch wie ich –  ich halte mich für einen halbwegs normalen Menschen – so etwas kann. Was  muss passieren, dass jemand so ausrastet? Obwohl ich nicht glaube, dass  Mudgett ausgerastet ist. Der war einfach völlig wahnsinnig. Kein  Massenmörder kann normal sein. Aber ich glaube nicht, dass er mit Schaum  vorm Mund und dem Hackebeil durch den Park gelaufen wäre. So einer ist  das nicht. Ich konnte zwar nicht viel über ihn herauskriegen. Aber ich  glaube, dass sein ganzes Leben so verkorkst war, dass er im Endeffekt  einfach kein Gewissen und kein Gefühl mehr hatte. Also eigentlich auch  kein Mensch mehr war.

Blaue Seite: Würden Sie sagen, dass er genial war, in dem, was er tat?

Wolfgang Hohlbein: Auf seine Art ist jeder große  Verbrecher genial. Dummköpfe werden keine erfolgreichen Massenmörder  oder überhaupt große Verbrecher. Genie und Wahnsinn gehen da schon Hand  in Hand. Er hat ja ganz klein angefangen als Versicherungsbetrüger und  hat sich hochgearbeitet. Seine Karriere dauerte etwa 20 Jahre.  Versicherungsbetrüger, Räuber, Erpresser … Langsam, Stück für Stück.  Wenn er dumm gewesen wäre, wäre er auch im 18./19. Jahrhundert in  Amerika nicht so weit gekommen. Er hat das also schon sehr, sehr clever  gemacht.

Blaue Seite: Das stimmt schon.

Wolfgang Hohlbein: So blöd das klingt: Man muss das irgendwie bewundern, seine Cleverness, seine Raffinesse.

Blaue Seite: Haben Sie denn schon einmal überlegt, eine richtige Liebesgeschichte zu schreiben?

Wolfgang Hohlbein: Nee, das liegt mir nicht. In ein  paar Büchern wird es ja angedeutet, aber ich bin auch kein romantischer  Typ. So eine große Shakespearesche Romanze liegt mir nicht. Wenn ich  eine Geschichte schreiben soll und zumindest hoffe, dass sie gut wird,  dann muss es mir auch Spaß machen. Ich habe schon ganz viele, auch  lukrative Aufträge abgelehnt, weil ich gesagt habe: „Das kann ich nicht,  weil mich das Thema nicht interessiert.“ Das ist auch der Grund, warum  ich fantastische Geschichten schreibe oder im weitesten Sinne historische  Geschichten. „Mörderhotel“ spielt ja in einer ganz anderen Zeit, die  ist mit unserer gar nicht mehr zu vergleichen. Das ist eben das, was  mich wirklich interessiert. Ich finde die Bilder, die dabei in meinem  Kopf entstehen, ganz toll. Alles andere will ich nicht, kann ich nicht.  Und ich bin in der glücklichen Lage, mir aussuchen zu können, was ich  schreiben muss. Ich muss keine Barbie-Romane mehr schreiben, um tanken  zu können. Täte ich auch nicht mehr.

Blaue Seite: Sie sagten einmal in einem Interview,  Sie seien unverbesserlicher Optimist. Aber in Ihren Büchern kommen  ziemlich viele Gewaltszenen vor …

Wolfgang Hohlbein: Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.

Blaue Seite: Nicht?

Wolfgang Hohlbein: Nein. Überhaupt nichts. In den  allermeisten Fällen gewinnt bei mir ja doch das Gute. Ein, zwei Mal hab  ich mir den Spaß erlaubt und es nicht gewinnen lassen. Aber ich würde  sagen, in 95% der Fälle gewinnt es. Und natürlich schreibe ich spannende  Abenteuer-Action-Geschichten. Da geht’s nun mal nicht ohne – wie das  Wort schon sagt – Action, heroische Kämpfe, manchmal eben auch Gewalt.  „Mörderhotel“ ist etwas ganz anderes, da ist es nicht so  Indiana-Jones-mäßig, Peitsche schwingend irgendwelche Skelette vom Pferd holen. In den meisten fantastischen Romanen ist das so weit  hergeholt, das erschreckt mich dann auch nicht. Das ist wie in einem  Computerspiel: Da schieße ich auch drei Kolonien Marsmenschen ab und  habe kein schlechtes Gefühl dabei. Aber ich könnte kein Spiel spielen,  wo es dann auf einmal französische Soldaten in der Revolution oder bei  Waterloo wären. Das wäre mir zu realistisch. Deshalb schaue ich mir auch  gerne die Tolkien-Filme, wie „Herr der Ringe“, an, mit großen  Schlachtszenen. Ich finde das toll, wenn hunderttausend Orks gegen  zehntausend Elben kämpfen. Aber ich würde mir nie einen realistischen  Film über den Zweiten Weltkrieg sehen, da funktioniert bei mir dieser  Abwehrmechanismus nicht mehr, der sagt: „Das ist doch nur ein Spiel.“

Blaue Seite: Sie bezeichnen sich selbst ja als Unterhaltungsautor. Ziehen Sie in Betracht, das irgendwann zu ändern?

Wolfgang Hohlbein: Nein, um Gottes Willen, warum  sollte ich? Soll ich ein langweiliger Autor werden? Ich glaube,  Deutschland ist eins der wenigen Länder, wo überhaupt diese Unterschiede  gemacht werden. Wo ist denn auch der Unterschied zwischen Unterhaltung  und hoher Literatur? Wenn Literatur langweilig ist, will man sie  eigentlich gar nicht lesen – es sei denn man muss, weil der Lehrer es  sagt. Natürlich gibt es auch ganz spannende Literatur, aber das sind  dann eben die Sachen, die auch unterhaltende Elemente beinhalten. Auch  so typisch deutsch ist, dass das Wort „Unterhaltung“ sofort negativ  belegt ist. Wenn ich Kollegen, die hohe Literatur schreiben, erzähle,  dass ich nie länger als ein halbes Jahr für ein Buch brauche, dann bin  ich sofort unten durch. Aber etwas, das schnell geht und das einem auch  Spaß macht, wo man sich nicht jedes Wort abquälen muss und auch noch  Geld damit verdient – das ist doch großartig.

Blaue Seite: Und natürlich darf auch eine Frage zu  Ihrem ersten großen Erfolg „Märchenmond“ nicht fehlen. Glauben Sie an  einen Ort, an dem Träume Wirklichkeit sind?

Wolfgang Hohlbein: Das weiß ich nicht, das muss  jeder für sich entscheiden. Ich fände das auch gar nicht gut. Das ist so  eine philosophische Frage, darauf könnte ich jetzt ganz viele,  unglaublich schlaue Sachen sagen – tue ich aber nicht. Aber wenn jeder  von uns diesen Ort in sich selber hat, sein eigenes Paradies findet und  nach seinen eigenen Maßstäben lebt, dann haben wir ihn ja schon.

Blaue Seite: Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann mit dem Schreiben aufzuhören?

Wolfgang Hohlbein: Ich habe eigentlich zwei Pläne.  Plan A ist, dass ich im Alter von 128 Jahren morgens tot am Schreibtisch  liege, und Plan B ist ein tödlicher Motorradunfall im Alter von 145.  Wenn ich 127 bin, finde ich die Ideen wahrscheinlich gar nicht mehr gut …  Schreiben ist und bleibt und war auch immer mein Hobby. Und ich habe  tatsächlich mein Hobby zum Beruf gemacht. Dass ich heute davon gut leben  kann, ändert nichts daran, dass mir das immer noch genau so viel Spaß  macht wie damals, als ich so ungefähr in euren Alter oder sogar noch  jünger war und meine ersten Geschichten aufgeschrieben habe. Es macht  mir riesigen Spaß, nur Geschichten zu scheiben. Geschichten ausdenken,  mag ich gar nicht so gerne – aber das Schreiben, die Bilder, die ich im  Kopf habe, die darauf warten, zum Leben erweckt zu werden! Als wir  damals unsere ersten größeren Erfolge gelandet haben, sind wir nicht von  unserem kleinen Reihenhaus in eine größere Villa gezogen, sondern sind  da geblieben, bis heute. So wie das Leben jetzt ist, das ist eigentlich  mein Traum. So möchte ich leben. Warum sollte ich also mit dem Schreiben  aufhören? Vielleicht entdecke ich in fünf Jahren oder in zwei Tagen ein  anderes Hobby … Ich könnte mir nicht vorstellen, welches, aber  vielleicht finde ich irgendwann meinen Spaß daran, Filme zu machen oder  sonst irgendetwas, keine Ahnung. Ich probiere ja ständig neue Sachen  aus. Bisher ist aber noch nichts dabei gewesen, was mir mehr Spaß  gemacht hat, als Geschichten zu erzählen.

Blaue Seite: Ein PS hätte ich noch: Sie verkaufen ja  Bücher. Machen Sie das, um sich glücklich zu machen oder einfach, weil  Sie gerne schreiben?

Wolfgang Hohlbein: Beides, beides. Erstens macht auf  jeden Fall das Schreiben Spaß. Wenn ich es nicht geschafft hätte, davon  leben zu können, hätte ich es auf jeden Fall als Hobby weiterbetrieben.  Es gibt ja ganz viele Hobbyautoren, die es nie geschafft haben oder  auch nicht den Mut hatten, es zu versuchen. Wenn mir jemand sagt, dass  er meine Bücher nur zur Unterhaltung liest, dann reicht mir das, da habe  ich mein Ziel schon erreicht. Aber meine Lieblingsgeschichte, die ich  auch immer gerne erzähle, weil sie so toll ist: Vor zehn, fünfzehn  Jahren war ich mit meiner Frau auf der Frankfurter Buchmesse auf einer  Signierstunde. Es kam eine junge Mutter mit ihrem damals zwölf-,  dreizehnjährigen Sohn und hat sich bitter beschwert und gesagt: „Er  liest nicht, also den muss ich prügeln, damit er ein Buch liest.“ Dann  haben wir seiner Mutter eine Kassettenbox mit sechs Kassetten geschenkt  und gesagt: „Geben Sie ihm doch mal das, vielleicht strengt er sich dann  ja an.“ Buchmesse vorbei, Geschichte vergessen … Ein Jahr später,  wieder auf der Buchmesse, kommt die gleiche Mutter mit ihrem Sohn und  hatte diese Kassetten in der Hand. Ich sah sie in der Schlange stehen  und dachte: „Was macht sie jetzt? Haut sie mir die um die Ohren? Fand  sie die scheußlich?“ Als sie dran war, knallte sie die wirklich auf den  Tisch und sagte: „Die können sie wieder haben! Er hat die ersten zwanzig  Minuten gehört und gesagt, dass er lieber das Buch lesen würde und  seitdem liest er Bücher!“ Das ergänzt sich. Die Geschichte ist so schön,  die könnte ich mir gar nicht so ausdenken. Also wenn mir das auch bei  fünf oder sechs weiteren gelingt, dann reicht mir das. Wenn die Leute  ein paar Stunden Spaß an meinen Geschichten haben – wunderbar! Mehr will  ich ja gar nicht.

Blaue Seite: OK! Das ist ja schön.

RedakteurRedakteur: Katharina, Hannah
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