Voll fies verzaubert
Voll fies verzaubert
28. Januar 2021
von Rina
5 Sterne
Rina Jahrgang 2003 Redaktion Lübeck
hat 5 Sterne vergeben

Seit Signor Strega-Borgia vor drei Wochen im Streit aus dem Schloss gestürmt war, taten Titus und Pandora ihr bestes, die lange Reihe an fiesen Nannys, die sich ihrer Mutter vorstellten, zu vertreiben. Dabei war auch die einjährige Damp eine große Hilfe, ebenso wie Tock, das Krokodil im Burggraben. Und die Nannys hatten nicht einmal die Tiere im Verlies gesehen. Dann jedoch kommt Flora McLachlan und lässt sich nicht so leicht von ein paar Kindern ins Bockshorn jagen.


Das ist die Ausgangssituation für die wirklichen Probleme der Strega-Borgias: Verschwundene Rattenbabys sind das geringste und der Vater in den Händen seines Mafia-Boss-Halbbruders, der gerne die gesamte Familie umbringen möchte, das größte. Zwischendrin haben wir eine geschrumpfte und per Mail verschickte Schwester sowie die Kochkünste der Köchin Marie Bain (ja, die zählen definitiv als Problem).

 

„Voll fies verzaubert“ ist ein ziemlich mieser Titel für dieses Buch, der Originaltitel „Pure Dead Magic“ ist allerdings auch nicht viel besser. Im Übrigen finde ich auch das Cover wenig passend.

Das Buch ist ziemlich verrückt und speziell auf eine gute Art und Weise. Es ist morbide, witzig und gruselig, manchmal süß und verstörend und ab und an total niedlich.

Menschen sterben in diesem Buch. Und das ist ein Teil davon, was das Buch interessant macht: Es schreckt vor nichts zurück. Nicht vor Blut und Maschinenpistolen, aber auf der abstrakteren Ebene geht es mir um etwas anderes. Es ist ein Fantasy-Roman, der sehr gut balancieren kann. Hexerei ist zwar Teil der Welt, aber kein Thema. Da spielen Computer und Internet eine größere Rolle in der Geschichte. Ich finde es immer gut, wenn Fantasy-Romane sich zum einen nicht davor fürchten, die moderne Technik miteinzubeziehen, und zum anderen dabei nicht die Magie zerstören. In neueren Büchern findet man das selten, aber hier ist es gut gemacht und dabei ist es älter als ich.
Und es hat die Balance zwischen all diesen Wirkungen gefunden, die ich oben genannt habe. Ja, es ist morbide und gruselig, aber entweder auf eine lustige Art oder es wird schnell wieder ausgeglichen. Man wird davon keine Albträume kriegen, sondern eher mit einem Lächeln ins Bett gehen, während der Geschichte ein Flair von Gefahr, von Echtheit, von Nicht-Friede-Freude-Eierkuchen gegeben wird.

Ich bin mir nicht sicher, für welche Altersgruppe das Buch gedacht ist, ich schätze ab 8 oder 10 Jahre. Für mich war das Buch vermutlich schockierender als für jüngere Kinder, denn es geht durchaus um ernste Themen wie Scheidung und Tod und Kriminalität. Und mit diesen Themen kann ich einfach mehr anfangen (auf eine nicht unbedingt positive Art). Das war zwischendurch auch mal belastend für mich.

Zum Schreibstil muss ich sagen, dass ich ein großer Fan bin. Die Autorin ist sehr einfallsreich, wortgewandt und verwendet tolle Bilder. Insgesamt erlebt man im Buch etwa ein Dutzend verschiedene Perspektiven von den Hauptpersonen, Nebenpersonen und -tieren. Eigentlich mag ich es nicht, wenn man viele verschiedene Perspektiven in einem Buch hat, aber hier sind sie so unterschiedlich (also auch unterscheidbar), witzig und einfach gut getroffen, dass es mich nicht stört. Die Wechsel passieren mitten im Text, sind dabei sehr flüssig und reißen einen nicht aus der Geschichte raus. Besonders die Sichtweisen von Baby Damp, Tarantella und den anderen Tieren könnten dämlich wirken, schaffen aber gerade so den Sprung von nervig zu witzig.

 

Ich habe das Buch an einem Abend durchgelesen. Es ist nicht wahnsinnig spannend, hat aber eine großartige Atmosphäre und viele verschiedene und liebenswerte Charaktere. Das in Kombination mit einer aberwitzigen Geschichte und einem witzigen Schreibstil ergibt ein großartiges und besonderes Buch. Nicht besonders auf den ersten Blick, denn viele Elemente wie die Nanny, das Schloss oder die Entführung sind nicht komplett neu, aber das Gesamtergebnis von all diesen Ideen, die verarbeitet, kombiniert und geschrieben wurden: Fantastisch! Und ich bin froh, dass es nicht nur weitere Bücher gibt, sondern diese schon bei mir im Regal bereit stehen.


Ich habe die deutsche Erstausgabe von „Voll fies verzaubert“ gelesen, erschienen 2002 im Cecilie Dressler-Verlag. Das englischsprachige Original erschien 2001.

 

P.S.: Ich habe gesehen, dass das Buch als schwarze Komödie bezeichnet wird. Das finde ich erst in der zweiten Hälfte des Buches reflektiert. Davor kommt zwar auch schwarzer Humor vor, spielt aber eine untergeordnete Rolle. Aber ja: Für ein Kinderbuch ist der Humor insgesamt ziemlich düster.

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